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Albert „Ali“ Schindehütte. Foto: oc

Die Lust, Druck zu machen

Lüneburg. Sie bilden das älteste deutsche Künstlerkollektiv, stehen seit 1963 gemeinsam an der Druckerpresse. Sie sind also so etwas wie die Rolling Stones der Kunst, in die Jahre gekommen, mit Faltenwurf im Gesicht, aber immer noch gut dabei und mit Lust, Druck zu machen. Jetzt bekommt die Werkstatt Rixdorfer Drucke, deren Geschichte mit Berlin und dem Wendland verbunden ist, ein Zentrum in Lüneburg. Uwe Bremer, Albert Schindehütte und Johannes Vennekamp haben ihr Werk dem Kunstarchiv der Sparkassenstiftung in die Hände gegeben, und dazu gibt es ab 21. Januar in der KulturBäckerei eine große Retrospektive. Einer aber fehlt.

Arno Waldschmidt, der Vierte im Bund der Rixdorfer, der lange sommers beim Merlin Verlag in Gifkendorf lebte, ist im März 2017 in Berlin gestorben. In Berlin hatte sich die Gruppe gegründet, Schindehütte wird mit dem Spruch zitiert: „Es war Liebe auf den ersten Schluck“. Die Geschichte der Gruppe blieb schillernd, künstlerisches Kennzeichen wurden und sind Drucke, die gemeinsam mit Schriftstellern entstanden – Kalender, Bilderbögen, Grafikmappen, Illustrationen, Typographien, Holzschnitte etc. Das Politische, das Provozierende und das Satirische bis zum fröhlichen Spott durchziehen das Werk, das in der Kunst ohne Beispiel ist – und damit nicht vergleichbar.

Zusammenkünfte in Gümse wurden legendär

Die Gruppe kam immer projektweise zusammen, beginnend in einem Hinterhof nicht im früheren Rixdorf, sondern in Berlin-Kreuzberg. Ab 1974 sind die Rixdorfer bevorzugt im wendländischen Gümse aktiv, wo Uwe Bremer im „Schloss“ residierte. Die Zusammenkünfte dort wurden geradezu legendär, was nicht nur am Arbeiten lag. Uwe Bremer (77) zog mittlerweile von Gümse nach Berlin. Albert Schindehütte (78) lebt heute überwiegend in seinem Geburtsort Schauenburg-Breitenbach bei Kassel, Johannes Vennekamp (82) ist in Berlin und im Wendland zu verorten.

Jetzt kniet Albert Schindehütte in der KulturBäckerei auf dem Boden der Kunsthalle und fächert eine Rixdofer Bildermappe auf, die zu Udo Lindenberg entstand, und dann wuchtet er das monumentale „Gästebuch“ heran, an dem Autoren wie Peter Rühmkorf, Sarah Kirsch und Reinhard Lettau mitwirkten. Was immer Schindehütte beim Sortieren für die Ausstellung anpackt, er schmunzelt und sagt: „Dazu gibt es noch eine Anekdote“. Die Geschichten reichen von den ersten Verkäufen aus dem Kofferraum eines Taxis heraus über nächtliches Telefonieren mit Udo Lindenberg bis zu reichlich verrückten und durchaus alkoholhaltigen Episoden, die jeden Platz sprengen.

Vom 21. Januar bis 25. Februar in der KulturBäckerei

Zu sehen sein werden vom 21. Januar bis 25. Februar in der KulturBäckerei auch die größten Rixdorfer Drucke, die in einem Hotel in Binz auf Rügen mit einem Text von Rühmkorf entstanden. Auch dazu gibt es mindestens eine Anekdote.

Das Kunstarchiv Lüneburg hat nahezu das Gesamtwerk der Rixdorfer aufgenommen. Der Ort sei ideal, sagt Schindehütte, weil in anderen Einrichtungen die Werke archiviert und damit weggehängt würden. Das Kunstarchiv ist aber so konzipiert, dass mit den Beständen gearbeitet werden soll, sie also zur Ausleihe bereitstehen. Als „Kunstgedächtnis der Region“ versteht sich das Archiv, es bewahrt Werke von Jörg Immendorff, Gerhard Fietz und vielen anderen

Die Ausstellung der Rixdorfer wird zum Jahresstart in der KulturBäckerei ein großes Ausrufezeichen setzen. Ausstellungen in der großen Halle und eine Treppe rauf im Artrium sind für 2018 etliche mehr geplant. In der großen Halle wird unter anderem die Lüneburgerin Anja Struck ausstellen, später folgen der Fotograf Jim Rakete und der Grafikdesigner Günther Kieser, der lang als wichtigster Plakatgestalter für Jazz und Rock galt.

Ausstellung im Herbst wird sich der Heide widmen

Oben im Artrium bekommen Stipendiaten des Uwe-Lüders-Kunststipendiums Platz, das sind zunächst Uta Meta Kühn im Februar und Conny Stark im März. Eine Ausstellung im Herbst wird sich der Heide widmen, und zum Auftakt gibt es eine Änderung: Abgesagt hat Robert Zobel, angesagt ist Marcus Sendlinger, der vom 11. bis 28. Januar Bilder und Objekte zeigt.

Stark belegt ist nach wie vor der Theatersaal. Zwei Premieren sind für Januar terminiert. Zunächst kommt am 13. Januar um 15 Uhr „Robin Hood up Platt“ auf die Bühne, gespielt von den lütten Sülfmeistern für Kinder ab sechs Jahren. Es folgt am 19. Januar um 19.30 Uhr Daniel Glattauers „Wunderübung“ mit dem Theater zur weiten Welt.

Von Hans-Martin Koch