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Vorwiegend heiter, wie es in Neujahrskonzerten sein muss, ging es in Bleckede zu. (Foto: phs)

Tschingderassa an der Elbe

Bleckede. Seit 25 Jahren begrüßt der Kultur- und Heimatkreis Bleckede das neue Jahr mit Tschingderassa, starkem Blech und Streicherschmelz, üb erzuckert mit einer Portion Wiener Schmäh. Zum 12. Mal bot das Göttinger Symphonie-Orchester höchst temperamentvoll Walzer und Schnellpolkas der Musikerfamilie Strauß, unterbrochen von Stücken anderer Meister operettennaher Muse. „Träume“ heißt das Programm, unter dessen Kleinodien sich drei Werke für Saxophon-Solo und Orchester finden. GSO-Generalmusikdirektor Christoph-Mathias Mueller hatte dafür die junge Saxophonistin Asya Fateyeva engagiert, Echo-Classic-Gewinnerin als Nachwuchskünstlerin 2016.

Dass es auf dem Land keinesfalls schlechter oder unbedarfter zugehen sollte und tatsächlich zugehe als in der Stadt, betonte zur Begrüßung Dr. Matthias Heckerost als Vorsitzender des veranstaltenden Vereins. Die Neujahrsmusik gab ihm spontan recht. Mehr Qualität ist auch in der Stadt nur selten zu erwarten, denn noch zwei weitere Gewinner des Echo-Klassik 2017 waren vor Ort. Dirigent Christoph-Mathias Mueller und sein Göttinger Symphonie-Orchester haben sich kürzlich den Preis der Kategorie Best Concerto Recording 20th/21st Century für ihre Einspielung russischer Oboenkonzerte mit Maria Sourntcheva erobert.

Ohne Walzer und Schnellpolka geht es nicht

Asya Fateyeva begeisterte mit ihrem dynamisch-sonoren Solo in André Caplets spätromantischer, melodienreicher Legende für Alt-Sax und Orchester. Die Meisterin des französisch-eleganten und emotionalen Saxophonspiels, das sie mit fein vibrierendem Ton würzt, kann aber auch mit feuriger Virtuosität imponieren: Nach der furios und tempostark interpretierten „Fantaisie brillante sur des airs de Carmen“ aus Bizets berühmter Oper wollten die 400 Zuhörer im Bleckeder Haus gar nicht aufhören zu klatschen. Die Göttinger hatten dieses auf der Krim geborene, in Hamburg lebende Supertalent des klassischen Saxophonspiels klangschön begleitet.

Begonnen hatte der Abend mit der „Liebesbotschaft“ von Johann Strauß (Sohn), einer der galoppierenden Schnellpolkas des Konzerts, darunter auch „Vorwärts“ von Josef Strauß. Tempowechsel und Klangtransparenz schmückten das feine Zusammenspiel der Symphoniker auch in Émile Waldteufels Walzer „Mein Traum“ mit seinen schwärmerischen Cellopartien sowie in verschiedenen Strauß-Walzern, die Mueller jeweils mit Charme, Witz und umfangreicher Detailkenntnis anmoderierte und ebenso wunderbar facettenreich dirigierte.

Der in der Schweiz lebende Dirigent, der die Göttinger in diesem Jahr verlassen wird, zeigte durch mitreißende Klangklarheit und seine Art, effektvoll zu kontrastieren, dass die so eingängige Musik dieses gelungenen Events ihre unbeschwerte Fröhlichkeit einer außerordentlichen komplexen Kunst brillanter Komponisten verdankt.
Drei Zugaben gab es nach der himmlischen „schönen blauen Donau“; das Finale galt – wie immer – dem Radetzky-Marsch.

Von Antje Amoneit