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Olaf Schmidt stellt sein neues Ballett „Amadé“ Sonntag bei einer Werkstatt-Matinee vor. Foto: Dan Hannen / nh

Der Mozart-Versteher

Lüneburg. Gegen die Macht des Bildes ist kein Wort gewachsen. 1984 meißelte Milos Forman mit seinem Film „Amadeus“ das Bild von Mozart ins kollektive Gedächtnis : ein göttliches Genie, ein Pop-Punk, ein Verschwender, ein Clown, ein Pleitegeier, ein Superstar, ein Verfolgter, ein Getriebener voll düsterer Ahnungen. Alles Quatsch? Nicht nur, aber auch. Mit Mozart hat das ähnlich viel zu tun wie Falcos Hit „Amadeus“. Was der Film und Peter Shaffers Theaterstück hochvergnüglich klitterten, erntete ein Millionenecho, begeisterte Kritiken und acht Oscars. Dass Mozarts Leben schillert und zu Interpretationen verführt, greift jetzt Olaf Schmidt auf, Ballettdirektor am Theater Lüneburg. Sein Ballett „Amadé“ wird am 20. Januar uraufgeführt.

Wie kommt man dem kaum greifbaren Phänomen Mozart auf die Schliche? „Ich habe mich bei der Vorbereitung hauptsächlich auf seine Briefe konzen­triert. Ich wollte ihn durch seine Sprache verstehen, habe das Gefühl, so näher an ihn heranzukommen“, sagt Olaf Schmidt – und: „Ich habe keine Biographie gemacht.“

Olaf Schmidt arbeitet sich immer tief in seine Themen hinein, entwickelt klare Vorstellungen, aber beim Proben könen sich Szenen und Bilder ändern. Erst habe er eine Art Revue machen wollen, sagt Schmidt, aber das verwarf er zugunsten eines konzentrierteren Blicks. „Bei Bildern, Schlaglichtern in einer Folge unterschiedlicher Szenen bin ich geblieben. Jede Szene zeigt eine Facette seines Wesens.“

Die Musik wird live von den Symphonikern gespielt

Das Eine und Andere, das beim „Amadeus“ Film bildertrunken ins Spektakuläre gezogen wurde, taucht sicher auf: der Verschwenderische, das Düstere, die Spielsucht, die grenzenlose Hingabe an die Musik. „Er war geradezu verbohrt in seine Kompositionen“, sagt Olaf Schmidt. Als Choreograph hat er lange um Mozart „immer etwas einen Bogen“ gemacht, denn: „Die Musik ist so unheimlich bewegt“. Dass Mozart „gewaltig viele Noten“ mache, monierte einst schon Kaiser Joseph II. Olaf Schmidt hat im Laufe der Jahre den Dreh gefunden, er übersetzte bereits das Mozart-Requiem in Tanz.

„Es ging bei Mozart rasend schnell rauf, rauf, rauf – und dann lange runter. Am Ende war er ganz allein“, sagt Schmidt. Eine „gewisse Chronologie“ wird der Choreograph als rotes Band durch die Szenen ziehen, ohne das zu einer Karriereshow zu machen.

Die Titelrolle tanzt Anibal dos Santos. Der aus Portugal stammende Tänzer zählt seit 2014 zu der Truppe, die als eingespieltes Team mit Olaf Schmidt spannende und überraschende Abende garantiert. Bereichert wird „Amadé“ dadurch, dass die Musik live von den Lüneburger Symphonikern gespielt wird, geleitet von Ulrich Stöcker. Neben Ins­tru­mentalstücken, vorwiegend in Moll, erklingen Mozart-Arien, gesungen von der Sopranistin Signe Ravn Heiberg.

Theophilus wird ins Französische übersetzt zu Amadé

Das Bühnenbild stammt von Barbara Bloch, die Kostüme entwarf Susanne Ellinghaus. Für die Premiere am 20. Januar um 20 Uhr gibt es noch Restkarten. Das dürfte sich schnell ändern: Denn am Sonntag, 14. Januar, um 11 Uhr laden Olaf Schmidt und seine Ballettcompagnie zur Matinee ins Theater. Der Eintritt ist frei, um Spenden wird gebeten.

„Amadé“ heißt das Stück, nicht „Amadeus“. Der Taufname des Komponisten lautet komplett Joannes Chrysostomus Wolfgangus Theophilus Mozart. Theophilus wird ins Französische übersetzt zu Amadé. Diese Schreibweise pflegte Mozart in der Regel, auf Italienreisen wurde er zu Amadeo, und nur in drei Briefen taucht Amadeus auf.

Von Hans-Martin Koch