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Mariana Leky und Moderator Tilman Lahme haben Spaß an ihren hin und her flirrenden Dialogen. (Foto: t&w)
Mariana Leky und Moderator Tilman Lahme haben Spaß an ihren hin und her flirrenden Dialogen. (Foto: t&w)

Ein Lieblingsbuch

Lüneburg. Sie startete ins Leben mit einer „erfolgreich abgebrochenen Buchhändlerlehre“, testete ein paar Semester Germanistik, obwohl andere Fächer wie Rhetorik, freies Schreiben und ähnliches viel mehr zogen, und landete schlussendlich am Institut für Literarisches Schreiben in Hildesheim. Treffer! Es gibt Berufe, bei denen die krummen Wege ans Ziel die einzig wahren sind. Denn wer das Leben beschreiben will, sollte möglichst viele Facetten des Lebens gesehen bzw. eben gelebt haben. Mariana Leky hat ein feines Gespür für Menschen gewonnen, noch stärker eines für Atmosphäre. Sie schreibt über das Zögerliche im Menschen und das große Ganze namens Liebe und Tod. Jetzt kam Mariana Leky zur LiteraTour Nord mit dem Lieblingsbuch der Buchhändlerinnen: „Was man von hier aus sehen kann“.

Es geht Autoren heute wie Musikern. Das Geld zum Leben verdienen sie vor allem mit Auftritten. Der Handel mit Tonträgern ist nahezu tot, der Buchhandel lebt, aber das Geschäft konzentriert sich immer stärker auf wenige Bestseller. Gut also, dass die Buchhändlerinnen und vielleicht auch ihre vereinzelt anzutreffenden männlichen Kollegen Mariana Lekys Roman nachdrücklich empfahlen und empfehlen. „Was man von hier aus sehen kann“ wird gern als Frauenbuch bezeichnet, was immer das sei, und vor allem ist es Blödsinn. Trotzdem: Das voll besetzte Glockenhaus gehörte zu 90 Prozent Frauen. Sie bilden in Sachen Buch ohnehin die klare Mehrheit.

Roman besitzt eine warme, liebevolle Aura

Mariana Leky führt in ein kleines Dorf im Westerwald, das Buch könnte auch im Oden- oder in Knüllwald spielen. Entscheidend ist das Personal, das Mariana Leky mit Attributen der Karikatur versieht, was einen Teil des Erfolgs ausmacht, ähnlich wie sie eine wiederkehrende Konstruktion von Humor durch bildhafte, überraschende Vergleiche einsetzt. Noch entscheidender ist, dass der Roman eine warme, liebevolle Aura besitzt. Leky mag spürbar die Menschen, die sie in ein Geschehen zieht, das Wendungen ins Unwahrscheinliche nimmt, das aber trotzdem erstaunlich plausibel erscheint. Warum sollen nicht plötzlich Mönche am Wandrand schweigend schreiten? Warum soll nicht ein geträumtes Okapi, dieses seltsam zusammengesetzte Tier, ein Todesbotschafter sein?

Menschen wie die alte Selma, der namenlose, liebeserklärungsunfähige Apotheker, der reichlich abwesende Vater der Ich-Erzählerin oder der mit hohem Skurrilitätsfaktor ausgestattete Therapeut Mischke – der Lesende verfolgt sie alle mit Vergnügen. Zwischen Menschen, die eigentlich auf unterschiedlichen Wegen durchs Leben streifen, stiftet der zutiefst menschenfreundliche Roman lauter Verbindungen.

An diesem Abend entscheidet sich Mariana Leky, vorwiegend Passagen mit hohem Unterhaltungswert zu lesen. Das wird dem Buch nur bedingt gerecht, denn es besitzt einige Tragik, die mitunter urplötzlich den Alltag überschattet. Nur angedeutet werden bei der Lesung dunkle Seiten in Menschen, die bei aller sozialen Kontrolle im Dorf doch einsam bis verbittert leben. Im Gespräch kommt Moderator Tilman Lahme auf die Abgründe zu sprechen, aber der hin und her flirrende Dialog ähnelt bald wieder mehr den Pointen, mit denen Mariana Leky ihren Roman lebensbunt malt.

Von Hans-Martin Koch