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Amadé (Anibal dos Santos) führt Kunststücke vor, zu denen ihn der Vater (Wallace Jones) zwingt – mit Peitsche und wenig Zuckerbrot. (Foto: Theater/t&w)
Amadé (Anibal dos Santos) führt Kunststücke vor, zu denen ihn der Vater (Wallace Jones) zwingt – mit Peitsche und wenig Zuckerbrot. (Foto: Theater/t&w)

Leben im Zeitraffer

Lüneburg. Mozart war, Mozart ist – viele! Er ist nicht zu greifen, wird verzärtelt und dämonisiert, ist Punk, Genie, Narzisst, Getriebener. Der größte gemeinsame Teiler, auf den sich alle einigen können: Mozart ist Musik. Großartige Musik. Sie spiegelt mit aller Lust und Ewigkeit das ganze Abenteuer des Lebens samt seiner Endlichkeit. Auf der Bühne ist der beste Weg, sich Mozart zu nähern, gewiss der Tanz. In ihm treffen sich die Musik, ihr Wesen und die Möglichkeit, Mozart so zu umkreisen, dass die Vielgestaltigkeit und das Unerklärbare erhalten bleiben. Mit seinem neuen Ballett „Amadé“ gelingt Olaf Schmidt so ein Bild – mit seiner bewundernswerten Truppe und den Lüneburger Symphonikern. Das wird vom Publikum ausgiebig honoriert.

Schmidt und seine Co-Librettistin Christine Schmidt ziehen Schnitte durch Mozarts Leben. Zuerst aber schaut ein staunender Mozart ins Publikum, und hinten auf der Bühne sitzen wir stellvertretend in Gestalt von Statisten, nippen Mokka aus Mozart-Mottotassen und verputzen Mozart kugelweise. Das also haben wir aus ihm gemacht: Marzipan und Nougat. Übergroße Marzipankugeln rollen in Barbara Blochs Bühnenbild durch den Raum — bis das scheinbar süße Leben versiegt.

Sucht nach Anerkennung, Liebe und Freiheit

Anibal dos Santos tanzt Mozart. Zu erleben ist ein ewiges Kind, das wie im Zeitraffer durchs Leben rauscht, süchtig nach Musik, Anerkennung, Liebe und Freiheit. Individuelle Freiheit aber ist im gesellschaftlichen Lebensentwurf der Mozart-Zeit nicht vorgesehen. Bei Vater Mozart schon gar nicht. Schmidt zeigt, wie Mozart und seine Schwester (Giselle Poncet) vom peitschenknallenden Vater und Dompteur (Wallace Jones) wie Zirkustiere von Manege zu Arena gehetzt werden. Keine Zeit, keine Freunde, keine Freude. Die Mutter (Claudia Rietschel) ist machtlos.

Das sind sehr griffige, ausgereizte Bilder, aus denen heraus sich die Unrast in Mozart erklärt. „Amadé“, benannt nach der vom Komponisten verwandten Unterschrift, will kein fertiges Bild des Musikers zeigen. Schmidt führt Facetten des Mozart-Charakters vor, die des in Musik Versinkenden, des Liebenden, die des Spielenden, des Unzuverlässigen, des naiv Staunenden, zu Albernheiten Aufgelegten und damit die eines sehr besonderen Menschen, dessen Leben allzu schnell verglüht. Vertanzte Lebensszenen stehen neben denen, die rein der Musik folgen. Das Konkrete und das Abstrakte drehen sich so umeinander.

Olaf Schmidt findet viele klare und manche sich nicht von selbst erklärende Bilder. Musik und Mozart, es gibt da keine Eindeutigkeit. Wie gespalten die Mächtigen im Lande auf ihn reagieren, zeigt die Szene mit den Kirchenfürsten. Sie drehen dem unbotmäßigen Mozart den Rücken zu. Aber ist er weg, verfallen sie seiner Musik.

Die Tänzer wirken noch beim Anspruchsvollesten locker

Anibal dos Santos reißt das Publikum mit, athletisch und ausdrucksstark setzt er den immer ins Extreme driftenden Mozart um. Phong Le Thanh als Freund, den Mozart nicht haben darf, Gabriela Luque als verzeihende Ehefrau, Júlia Cortés, Rhea Gubler, Wout Geers und Francesc Marsal komplettieren die bis ins Artistische hart geforderte Truppe. Sie wirkt bei allem Tempo und bei anspruchsvollsten Abläufen immer bestaunenswert locker.

Bewegung und Musik laufen synchron. Daran hat Dirigent Ulrich Stöcker großen Anteil. Mit den Symphonikern spielt er Mozart-Hits mit allem Flirren, Schwung und Charme, einmal fordert Mozart noch mehr Power – nette Idee! Stöcker übernimmt Piano-Soli, Markus Menke die der Geige, und dazu breitet Signe Ravn Heiberg den Reichtum ihrer Stimme aus – mit Werkauszügen, die das kindlich Melodische, das Verspielte und das Artifizielle des Musikers und Menschen Mozart aufspreizen.

Der Musikquerschnitt ist gut gewählt und durchdacht wie der ganze, aufs Unterhaltsame zugeschnittene Abend. Das Phänomen Mozart wird publikumswirksam vom Luziden her aufgezäumt. „Amadé“ besitzt Witz und Bilderkraft, darunter liegt eine Spur Tiefe – und schließlich rollen am Ende kurz, sehr kurz, die Tränen eines ausgebrannten Lebens — „Lacrimosa“.

Als kleinstes gemeinsames Vielfaches einigt sich das Publikum auf Beifall, Beifall, Beifall, Standing Ovations.

Von Hans-Martin Koch