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Die bis heute größte Retrospektive der Werkstatt Rixdorfer Drucke 2007 ist zurzeit in der KulturBäckerei zu sehen. Johannes Vennekamp, Albert Schindehütte und Uwe Bremer (v.l.) haben ihr Gesamtwerk dem Kunstarchiv der Sparkassenstiftung anvertraut. (Foto: Frieder Zimmermann)

Boygroup seit 55 Jahren

Berlin/Lüneburg. Angefangen hat es auf einem Hinterhof in Berlin, 1963, eher zufällig und ohne einen Gedanken an die Zukunft. Geboren wurde an dem Tag in einer ehemaligen Schlosserei an der Oranienstraße die langlebigste deutsche Künstlergruppe, die Werkstatt Rixdorfer Drucke. Später sollte sie ins Wendland ziehen, nun ist sie zurück in Berlin, ordnet und erweitert ihr Werk, das ohne Beispiel dasteht: frech, provozierend, undogmatisch, verliebt in alte Drucktechnik, von Hand gesetzte Holzbuchstaben und Bleisatz. Die Geschichte, die 1963 begann, findet jetzt ihren Niederschlag in Lüneburg.

Angefangen hat es auch mit dem Dichter Günter Bruno Fuchs (1928-1977). Er brachte sie zusammen: Uwe Bremer (heute 77 Jahre alt), Albert „Ali“ Schindehütte (78), Johannes „Josi“ Vennekamp (82) und Arno Waldschmidt, der lange in Gifkendorf lebte und im vergangenen Jahr mit 81 Jahren gestorben ist. Sie waren alle Anfang der Sechziger aus der Provinz nach Berlin geflohen, „das war das Eldorado in jeder Hinsicht“, sagt Ali Schindehütte im Rückblick. Sie hatten kein Geld, aber Ideen – und machten nach dem Start weiter. Zum Aufbau einer Druckwerkstatt bekamen sie eine Spende von 5000 Mark. Das war viel Geld. 3000 Mark wurden in Alkohol, 2000 aber doch in die Austattung umgesetzt.

„Lieber schlucken als drucken“

Markenzeichen der Rixdorfer wurde die Zusammenarbeit mit Schriftstellern. Holzschnittkunst und Wortwitz trafen in den frühen Jahren auf einen lückenhaften Buchstaben- und Schriftenbestand. Das führte zu typographischen Abenteuern, die mit mal tiefschürfenden, mal lustvoll absurden Texten Resonanz fanden. Es entstanden Künstlerbücher, Leporellos, Bilderbögen, Kalender, Plakate. Über die Jahre dichteten Peter Rühmkorf, H.C. Artmann, Sarah Kirsch, Nicolas Born, Reinhard Lettau und viele mehr für die Rixdorfer Drucker. Auch eine Udo-Lindenberg-Mappe entstand. Das ist nun in der Lüneburger KulturBäckerei zu sehen.

Sie seien „Lokal-Genies“, die „lieber schluckten als druckten“ fand der „Spiegel“ schon 1966. Tatsächlich boten die Rixdorfer Arbeitstreffen immer reichlich Gelegenheit zum Feiern und für Happenings. 1965 etwa stellten sie den Pop-Künstler Harry Goldschmith vor. Das Berliner Feuilleton berichtete, die Kunsthallen Bremen und Hamburg kauften das Mappenwerk des Künstlers, der allerdings eine reine Erfindung der Rixdorfer war. Bei der Vernissage eines Künstlers reichten sie zufällig gefundene Briketts als angebliche Kunstaktion herum, und bei der Frankfurter Buchmesse trugen sie anlässlich einer Günter-Grass-Ehrung kurzerhand das Büffett auf die Straße – fürs Volk. Auch das Fußballspielen mit Sammy Drechsel, Dieter Hildebrandt, Rudi Dutschke und Wolfgang Neuss endete in der Regel mit Kunstaktionen und auch mal mit einer Mappe namens „Zum Ballspiel“.

Aus Berlin ins Wendland

Günter Bruno Fuchs wurde es zu bunt, 1969 stieg er aus. Die Rixdorfer verließen 1970 wie zahlreiche andere Künstler Berlin, suchten das Gegenteil und fanden das niedersächsische Wendland. Uwe Bremer residierte in einem alten Gutshaus mit See – Schloss Gümse. Die Arbeitstreffen setzten nahtlos dort an, wo sie in Berlin endeten, liefen nur länger. Auch Noch-nicht-Ministerpräsident Gerhard Schröder schaute gern vorbei.

Von Uwe Bremers monströs phantastischen Figuren bis zu Arno Waldschmidts zeichnerischen Entwürfen zwischen schonunglosem Realismus und bodenlosem Sarkasmus sind die Handschriften der Rixdorfer immer zu erkennen. Der Zusammenhalt der wohl ältesten Boygroup klappte und klappt, weil jeder neben der Rixdorferei ein eigenes Werk schuf, ohne Eingriff oder Kommentar der Kollegen. Als Gruppe arbeiteten und arbeiteten die Rixdorfer immer anfallsweise. Zuletzt erschien 2013 die Grafikmappe „Rixdorfer Totentanz“ mit Texten von Otto Jägersberg und im Jahr darauf eine Grafikmappe zur Wiederkehr des Wolfes im Wendland. Über die Jahrzehnte entstand so ein Werk, das sich wie ein ironischer, undogmatischer und subversiver Kommentar zur Geschichte der Bundesrepublik lesen lässt.

Nun steht die Werkstatt also wieder in Berlin, in der Potsdamer Straße, und es ist Zeit zum Aufräumen. Als der in Gifkendorf sitzende Merlin Verlag als treuer Begleiter der Rixdorfer sein 60-jähriges Bestehen mit einer großen Ausstellung in der KulturBäckerei beging, waren die Rixdorfer dabei. Das führt nun dazu, dass sie dort bis zum 25. Februar ihre bisher größte Retrospektive zeigen – mit rund 200 Werken. Die doppelte Anzahl gaben sie ans Kunstarchiv der Sparkassenstiftung, die auch die KulturBäckerei betreibt und nun ein „elementares Kapitel jüngerer Kulturgeschichte“ bewahrt. So wertet Prof. Dr. Bernd Küster, langjähriger Direktor der Museumslandschaft Hessen Kassel, das Werk der Rixdorfer, die Humor, Ernst und Kunst in Gleichklang bringen.

Von Hans-Martin Koch