Aktuell
Home | Kultur Lokal | Die ewigen Einzelgänger
Janko Marklein streift durch Lüneburg, am 27. Februar wird er sich als Literatur-Stipendiat im Heine-Haus vorstellen. Foto: ff
Janko Marklein streift durch Lüneburg, am 27. Februar wird er sich als Literatur-Stipendiat im Heine-Haus vorstellen. Foto: ff

Die ewigen Einzelgänger

Lüneburg. Es lässt sich nicht leugnen, dass Grigori Perelman ein – nun ja – sehr spezieller Mensch ist. Der heute 52-jährige Russe hat 2002 den Beweis über die Poincaré-Vermutung geführt und damit eines der sieben größten Rätsel der Mathematik gelöst. Er lehnte sämtliche Professuren, Auszeichnungen und millionenschwere Preise ab und ist wieder bei Muttern eingezogen, in einen Plattenbau am Rand von St. Petersburg. Es gibt in der Mathematik einige solcher extremen Zeitgenossen, Janko Marklein ist ihnen auf der Spur. Denn der Held seines neuen Romans ist auch so ein Rechengenie. Daran schreibt Janko Marklein zurzeit als Literatur-Stipendiat des Heine-Hauses.

Roman-Stationen der eigenen Biographie

Menschen, denen es an Empathie fehlt, die seltsam bindungslos durchs Leben gehen, solche Typen bilden das Kernthema von Janko Marklein. Von ihnen handelt sein Romandebüt „Florian Berg ist sterblich“ (Blumenbar Verlag, 2015). Dafür hat sich der Autor, 1988 in Bremen geboren, zunächst bei den Schauplätzen der eigenen Biographie bedient. Er studierte Literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut Leipzig sowie Philosophie in Leipzig und Berlin, verbrachte einige Zeit in der Anden-Metropole Santiago de Chile.

Der Roman beschreibt das Werden des Florian Berg, Sohn eines Pastoren-Ehepaares, seit seiner Teenager-Zeit in der niedersächsisch-bremischen Provinz. Die Erzählung ist aber kein Bildungsroman. In melancholisch-nüchternem Tonfall skizziert Janko Marklein, der selbst natürlich ganz anders ist, episodenhaft den Weg eines jungen Mannes, der Kumpels und Komilitoninnen mit innerer Kälte begegnet, und dabei offensichtlich Charaktere anzieht, die ebenfalls bindungsunfähig sind. In dieser Überzeichnung entstehen durchaus heitere Momente, die aber ihren Witz aus der Tragik schöpfen – etwa, wenn eine Studentin aus politischen Gründen einen Hörsaal besetzt, aber niemand bei den weiter stattfindenden Vorlesungen von der jungen Frau in ihrem Schlafsack so richtig Notiz nimmt.

Es soll um einen Menschen gehen, der ein Genie ist

Der Autor, der bis dahin Kurzgeschichten schrieb und sich bis heute, wie er sagt, noch nicht so recht an die große, kompakte Form herantraut, gewann 2010 den „open mike“: einen Lese-Wettbewerb in Berlin, der oft mit dem Klagenfurter Bachmann-Preis verglichen wird und in seiner Bedeutung mittlerweile gleichrangig ist – nur eben eher für den Nachwuchs konzipiert. Mehrere Autor(inn)en, die im Lüneburger Heine-Haus als Stipendiaten arbeiteten, zählen zu den Open-mike-Preisträgern. „Da laufen viele Agenten und Lektoren herum, die einem ihre Visitenkarte zustecken“, so Janko Marklein; tatsächlich hatte er nun kein Problem, für das Florian-Berg-Manuskript einen Verlag zu finden. Außerdem bekam er das Bremer Literaturstipendium. Später wohnte der Autor – unter anderem – im Lauenburger Künstlerhaus und besuchte von dort aus auch schon mal Lüneburg.

Nun also soll es um einen Menschen gehen, der ein Genie ist, und – sonst nichts, sich von der Realität zurückzieht, nur noch in seiner speziellen Begabung lebt und womöglich im Wahn enden. Es gibt solche Gestalten im Schach – siehe Bobby Fischer –, und eben in der Mathematik. Janko Marklein beschreibt den Weg des Teenagers Simon, der nach Island zieht, um sich als Einsiedler allein der Hodge-Vermutung zu widmen. Das ist (nach Perelmans Heldentat) nun eines der verbliebenen sechs großen Rätsel der Mathematik.

Nicht-singuläre, algebraische Varietäten

Nun hofft Janko Marklein, dass bis zur Veröffentlichung seines neuen Romans das Theorem des William Vallance Douglas Hodge (also: Darstellung eines vermuteten Bindeglieds zwischen der algebraischen Topologie nicht-singulärer komplexer algebraischer Varietäten und ihrer Geometrie, die durch Untervarietäten definierende polynomiale Gleichungen beschrieben wird) nicht bewiesen wird. Aber das ist wohl auch eher unwahrscheinlich.

Von Frank Füllgrabe