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Anneke de Rudder vor einem Portrait von Marcus Heinemann, zu dessen Nachfahren sie in Folge ihrer Raubkunst-Foschung Kontakt aufnahm. Foto: a/t&w

Die Rückseite sagt manchmal mehr

Lüneburg. Oft ist die Geschichte hinter den Exponaten spannender als das Objekt selbst. Wie tragisch und verbrecherisch die Hintergründe sein können, wird bei d er sogenannten Provenienzforschung deutlich. In ganz Deutschland machten sich in jüngerer Zeit Museen auf, um in ihren Beständen Nazi-Raubkunst aufzuspüren und die rechtmäßigen Besitzer zu finden. Das Museum Lüneburg gehörte zu den ersten und kleinsten Museen, die sich auf die Spur des Unrechts begaben.

Über vier Jahre forschte Anneke de Rudder in Archiven, Depots, Zettelkästen, auf Webseiten und mehr. Die LZ berichtete wiederholt darüber. Zum Abschluss richtet die Historikerin eine Werkstattausstellung ein: „Noch einmal nach der Herkunft fragen. . .“

Ausstellung zeigt, wie Provenienzforschung funktioniert

Werkstattausstellung bedeutet, dass es vor allem darum geht, zu zeigen, wie Provenienzforschung funktioniert: mal als akri­bi­sche Detektivarbeit, mal als Familienforschung. Ausgangspunkt in Lüneburg war das Auftauchen einer Liste, die eine Auktion aus dem Jahr 1940 dokumentiert. Darauf finden sich Möbel und Gegenstände aus dem Besitz der Familie von Marcus Heinemann, die zu den Mitgründern und großen Förderern des Museums gehörte. In der Nazizeit wurde die Familie verfolgt, zum Teil ermordet. Nachfahren Heinemanns leben heute verstreut über die Welt. Bei der Versteigerung 1940 hatte auch das Museum für das Fürstentum Lüneburg für kleines Geld zugeschlagen.

Es sind sicher keine großen Werte, die im Museum als Raubkunst zu definieren sind. Wertvollstes Stück aus der Heinemann-Familie ist die Schauseite einer Truhe aus der Zeit um 1500. Anneke der Rudder fand bei ihren Recherchen mehr als 50 Mitglieder der großen Familie Heinemann, die durchweg nichts von ihrem Lüneburger Erbe wusste. 40 Familienmitglieder kamen im Juli 2015 nach Lüneburg und überließen in einem Akt der Versöhnung die Gegenstände dem Museum. Ähnlich war es mit Nachfahren des Kaufmanns Hirsch Lengel, der im KZ ermordet wurde, wie auch andere Mitglieder seiner Familie.

Datenbank dokumentiert alle Auktionen der Jahre 1933 bis 1945

Nutzen konnte Anneke de Rudder bei ihren systematischen Recherchen eine Datenbank, die alle Auktionen der Jahre 1933 bis 1945 dokumentiert. Trotzdem gibt es im Museum noch in den 60er-Jahren angekaufte Gegenstände, etwa Leuchter und Krüge, deren Herkunft nicht herauszufinden ist. Manchmal bleibt es bei Vermutungen. Die Ausstellung dokumentiert auch Sackgassen. Ungeklärt ist etwa die Herkunft des „Nazi-Golds“, das ein Sondengänger 2014 bei Lüneburg fand.

Eine Vitrine zeigt Bilder von inten, auch ein Hitler-Foto. Denn bei Gemälden sind für Provenienzforscher die Rückseiten der Bilder die wichtigen. Was mit Aufklebern oder nur mit verblassender Handschrift notiert ist, lässt Rückschlüsse auf den Weg des Erwerbs und den Besitzer zu.

Die Ausstellung führt weiter zu Objekten im Museum, die Teil der Forschung waren. Am Rande lässt sich erkennen, wie nahtlos NS-Karrieren in der Nachkriegszeit fortgesetzt wurden. Deutlich wird es an Dokumenten, die zeigen, wie Museumsdirektor Dr. Gerhard Körner (1913-1984) seinen Lebenslauf je nach politischer Wetterlage formulierte.

de Rudder räumt am Monatsende ihr Büro im Museum

Nicht explizit Thema ist die Kontinuität auf anderen Feldern. Eberhard Tilgner, später Feuilletonist der Landeszeitung, hatte sich zuvor als Nazi in Lüneburger Zeitungen profiliert. Und ein Zugangsbuch wird penibel von Georg Winter geführt, der 1946 das Lüneburger Stadtarchiv leitete, später Direktor des Bundesarchivs wurde. Georg Winter gehörte im Faschismus zu den wichtigsten Akteuren, die Kunst aus besetzten Ländern verschleppten.

Anneke de Rudder räumt am Monatsende ihr Büro im Museum. Das ist eine Frage des Geldes, die Förderung läuft aus. Die Arbeit hat ihr Spaß gemacht, sie hat sie berührt. Es entwickelten sich Freundschaften mit Nachfahren der Raubkunst-Opfer. Zugleich habe sie bei ihren Recherchen sehr viel zur NS-Geschichte der Region gefunden. „Ich habe viele Ideen“, sagt Anneke de Rudder.

Von Hans-Martin Koch

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Koloniales Erbe

Das Deutsche Kaiserreich gehörte zu den großen Kolonialmächten Europas. Viele Museen sind voll mit Schätzen, die in dieser Zeit gekauft – und geklaut? – worden sind. Provenienzforschung zum Thema ist in vielen Städten angelaufen. So hat sich Hamburg als historische Hafen- und Handelsstadt bereits 2014 als erste deutsche Metropole zur Aufarbeitung ihres kolonialen Erbes entschieden. Dazu wurde an der Universität Hamburg eine Forschungsstelle eingerichtet.

Vor einer riesengroßen Aufgabe steht das gesammte Humboldt Forum in Berlin, das sich als Zentrum der Weltkulturen präsentieren will. Von jahrelangen Forschungen gehen die Wissenschaftler aus. Im kleinen Museum Lüneburg gebe es aller Wahrscheinlichkeit nach keine relevanten Exponate, die als unrechtmäßiges koloniales Erbe bezeichnet werden könnten, sagt die Provenienzforscherin Anneke de Rudder. oc