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Mathias Meinel hat sich als Maler Lüneburg vorgenommen, auf der Staffelei taucht das Rathaus in der Dämmerung auf. Foto: t&w

Maler in den Muggelgassen

Lüneburg. Es ist lange duster um diese Jahreszeit, das beginnt viele Menschen nun langsam zu nerven. Mathias Meinel mag die Dämmerung. Der Maler ist gerade dabei, Lüneburg zu erkunden, zwischen den windschiefen Harry-Potter-Mauern zu wandern, „durch die Muggelgassen“, wie er sagt. Der 36-Jährige will ein Porträt der Stadt malen, nicht nur in einem einzigen Bild natürlich, dafür hat er jetzt genug Zeit: Für drei Monate ist er Inhaber des Uwe-Lüders-Kunststipendiums. Gerade entstehen die ersten Gemälde in der Atelierwohnung am Roten Hahn, was auch schon irgendwie nach Joanne K. Rowling klingt.

Ein Bild vom Wochenmarkt steht auf der Staffelei, die Rathaus-Fassade blau und grau, nur unten, in Höhe der Obst- und Gemüsestände, schimmert ein Streifen warmen Lichts. Ähnlich ist ein Bild von der Koltmannstraße konzipiert, Schnee und ein einziges erleuchtetes Fenster, „richtig märchenhaft“, findet Meinel. Solche Motive findet der Maler hier natürlich massenhaft. Den Wasserturm will er sich einmal vornehmen, und fragen, ob er die Kirchtürme hinauf darf, um einmal auf die Dächerlandschaft zu schauen.

Ölfarbe braucht ewig

Dicke Kleckse Ölfarbe liegen auf der Palette, eine lange Glasplatte, an der man sich in der Dachwohnung vorbeiquetschen muss. „Selbstgebaut“, sagt Mathias Meinel, er braucht ordentlich Fläche zum Anmischen für die ganzen Schattierungen. Außerdem lassen sich auf der harten Oberfläche die Reste der teuren Farbe gut abnehmen und wieder aufbewahren.

„Ich habe aber auch eine normale Palette“, sagt Meinel, die benutzt er für die Pleinair-Malerei, also für die Arbeit an der Staffelei vor Ort, was mit eher kleineren Formaten leichter ist. Ölfarbe braucht – im Gegensatz etwa zu Acryl – ewig, um zu trocknen, auch das ist Mathias Meinel recht. In der Regel legt er seine Bilder nicht Schicht um Schicht an, sondern malt „alla prima“, also unmittelbar, in einem Zuge.

Mathias Meinel studierte Produktdesign

Angefangen hat alles mit der Oma, „sie schenkte mir, als ich zwölf war, einen Ölmalkasten“. Damit war der Stoff für das Leben gefunden, Mathias Meinel blieb dabei, auch als die Lehrerin in der siebten Klasse auf die Frage nach seinen Vorstellungen von der Zukunft sich irritiert erkundigte, ob denn Kunstmaler ein Beruf sei. Mathias Meinel studierte Produktdesign, aber wohl eher der Sicherheit halber. Lieber als das verkaufsorientierte Zeichnen ist ihm die freie Malerei, und wegen der Sicherheit hat er anderswo einen Teilzeitjob. Schließlich sind da noch die Ehefrau und die zwei kleinen Mädchen, die auch schon infiziert sind und bei Papa im Atelier mitmischen.

Ein bisschen dramatische Überhöhung gehört dazu

Matthias Meinel stammt aus dem Erzgebirge, lebt heute in Hamburg-Nettelnburg, das liegt in den Elbmarschen. Hier kennt der Maler, der immer gegenständlich und nie abstrakt arbeiten wollte, wohl jede Pfütze, und das ist fast wörtlich zu nehmen. Denn immer wieder hat der Maler diese winzigen Seen besucht, diese flüchtigen Mikrokosmen vor der Haustür, die mal im Matsch den Himmel spiegeln und mal wie Tore zur Unterwelt wirken. Ein bisschen dramatische Überhöhung gehört bei Mathias Meinel dazu, egal, ob er ein Containerschiff im Hamburger Hafen malt, einen bescheidenen Vorort oder einen Waldweg. Jetzt aber ist Lüneburg dran, in Vollzeit. Muggel sind übrigens bei Harry Potter die Menschen ohne Zauberkräfte.

Von Frank Füllgrabe