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Sten Nadolny und Gastgeberin Heidi Petermann im Treppenhaus des Bleckeder Schlosses: Als Gentleman alter Schule wählte der großgewachsene Autor tiefere Treppenstufen. Foto: ff

Mit dem langen Arm

Bleckede. Ach, zaubern können, nur mal so ein bisschen, den Dingen heimlich einen kleinen Schubs geben – wer hätte sich das nicht schon einmal gewünscht? Es mus s ja nicht gleich wie bei Gandalf oder Dumbledore sein. Pahroc hat im Laufe seine 106-jährigen Lebens viele richtig große Zaubertricks gelernt, das hat ihm immer wieder geholfen. Aber obwohl Pahroc eigentlich ein guter Mensch ist, hat er den dramatischen Lauf der Geschichte – genauer: des 20. Jahrhunderts – nicht beeinflussen können. Nun soll wenigstens seine Enkelin Mathilda von den Erfahrung profitieren.

Am Anfang war die „Netzkarte“

Das ist der Plot des Romans „Das Glück des Zauberers“ von Sten Nadolny. Der Autor, der bis heute vor allem durch seinen Kult-Roman „Die Entdeckung der Langsamkeit“ von 1983 berühmt ist, kam nun als erster Gast von Heidi Petermanns Bleckede-Reihe „Literatur in unser Stadt 2018“ in den Schlosssaal. Der war – nicht ganz unerwartet – voll besetzt. Sten Rudolf Alexander Nadolny, Jahrgang 1942, hat mit seinen zwölf Publikationen, beginnend bei „Netzkarte“ (1980), eine ganze Reihe von Auszeichnungen erhalten, dazu gehören etwa der Bachmann- und der Fallada-Preis, Poetik-Lehraufträge in München und Göttingen, im Jahre 2000 war Nadolny Ehrengast des Lüneburger Heine-Hauses.

„Das Glück des Zauberers“ (Verlag Piper) ist vielleicht nicht das stärkste Buch Nadolnys. In den Feuilletons wird herumgemäkelt an einer gewissen Betulichkeit der zwölf Briefe Pahrocs, mit denen dieser der kleinen Mathilda, sie hat die Gabe des Zauberns geerbt, seine Sicht der Ereignisse und seine Folgerungen daraus schildert. In Bleckede kamen die Textpassagen aber beim Publikum bestens an. Das liegt wohl auch an dem trockenen Humor, mit denen Sten Nadolny von dem Wesen der Zauberei (und ihren Grenzen) erzählte – so, als verlese er die Ergebnisse einer Forschungsstudie.

Zauberer sind auch nicht unbedingt gute Menschen

Seine Zauberer jedenfalls zeigen ihre Fähigkeit bereits als Kleinkind, sie können „einen langen Arm machen“, sich also gewisse Dinge schnappen, die eigentlich außerhalb ihrer Reichweite liegen. Pahroc kann als Schulkind „um die Ecke sehen“, was ihm bei Klassenarbeiten das Schummeln erleichtert. In einem bitteren Berliner Kriegswinter klaute er für sich und die Familie mit langem Arm Kohlrüben, und weil er rechtzeitig die Fähigkeit des kurzzeitigen Schwebens erlernte, entkam er 1943 als Wehrmachts-Soldat dem schrecklichen Kessel von Stalingrad. Geld zu zaubern lernte Pahroc erst spät, weshalb er zunächst immer wieder ganz normal arbeiten musste und die Wirren der Weimarer Republik wie jeder andere auch erlitt.

Zauberer sind auch nicht unbedingt gute Menschen – wie bei Harry Potter, den Sten Nadolny übrigens nicht besonders lesenswert findet. Pahroc jedenfalls, der bei den Sozialdemokraten verortet wird, hat seit Schulzeiten einen Erzrivalen: Schneidebein ist so unangenehm wie sein Name. Er wird Nazi und reagiert ausgesprochen nachtragend, als Pahroc sein Angebot ausschlägt, in die NSdAP einzutreten. Nadolny führt seine Protagonisten durch lustige und weniger schöne Kapitel der deutschen Geschichte, durch Konzentrationslager und die Hamburger Kapitulation. Mit seinen Talenten hält sich der Held möglichst zurück, denn schon bald hat er erkannt: Zauberei ist bei der Obrigkeit nicht beliebt. Sehr viel später, auf einer edlen Kreuzfahrt, beim Kapitänsdinner, wird es schließlich mit Schneidebein zum Showdown kommen.

Die nächste Lesung der Reihe gestaltet Sabine Peter

Wie Pahroc mit Vornamen heißt, das werden wir übrigens nie erfahren, „es ist einfach nicht möglich“, so Sten Nadolny, „ihre vollständigen Namen herauszufinden.“ Na schön, da kann man nichts machen.

Sicher ist: Die nächste Lesung der Reihe gestaltet Sabine Peters: Am Freitag, 23. Februar, liest sie im Schlosssaal – aus ihrem Roman „Alles Verwandte“.

Von Frank Füllgrabe