Donnerstag , 22. Februar 2018
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Am Esstisch sinnieren Fidelio (Simone Schneider), Jaquino (Thomas Ebenstein), Rocco (Falk Struckmann) und Marzelline (Mélissa Petit) über Zukunftschancen. (Foto: declair)

Bambi und der böse Wolf

Hamburg. Nimmt der Chef die Sache in die Hand, muss es ja gut werden. Beethovens Freiheitsoper „Fidelio“ ist gleich doppelt Chefsache an der Staatsoper, das schraubt Erwartungen hoch. Intendant George Delnon inszeniert zum ersten Mal im Großen Haus. Generalmusikdirektor Kent Nagano eröffnet den Abend mit einem differenzierten, seelentiefen Klang. Das aber hält er nicht durch, die Musik wird geichförmiger. Es beginnt ein Abend, der weit mehr will, als er bietet. Das Publikum reagiert schon früh ratlos, es gibt kaum mal Applaus zwischen den Szenen. Nagano wird am Ende dennoch Zustimmung ernten, bei Delnon antworten einige Bravo-Rufer auf einen kräftigen Proteststurm. Der ist verständlich.

Denn Delnon findet keinen zwingenden Weg durch Beethovens vom Singspiel zur pathetischen Rettungsoper mutierendes Großwerk. Delnon stellt ein Heiner-Müller-Zitat aus einem Stück zum DDR-Ende voran: „Ich hatte einen Traum. es war ein Alptraum. Ich wachte auf und alles war in Ordnung.“ Damit verlegt der Regisseur die Geschichte in die Wendezeit. Knastchef Rocco, offenbar im Stasi-Dienst, rückt ins Zentrum, er hackt auf eine Schreibmaschine, Tochter Marzelline muss neckischerweise am Klavier „Für Elise“ üben. Vor der Tür wütet ein Hund, und ein Aktenschrank fährt in den weiten Raum. Im Schrank drängen sich die Fälle, als Akte oder gleich als Gefangener. Das ist das stärkste Bild des Abends (Bühne: Kaspar Zwimpfer).

Die Helden sind sich fremd geworden

Hinterm Fenster dräut derweil der deutsche Wald. Mal rückt er in dichtem Grün heran, später prangt er kahl im Winterfrost. Mal schaut Bambi ins Fenster, mal lauert der Wolf. Mit solchen Bildern verdoppelt Delnon die Musik, überhöht sie ins Plakative. Sollte es Ironie sein, ein absurder Traum? Es erschließt sich nicht, ist leider eher langweilig.

Es kommt fetter. Der von Marzelline zurückgewiesene Knastgehilfe Jaquino versucht es mit sexueller Gewalt. Die naive Marzelline dagegen probiert ein Hochzeitskleid an, sie scheint ja die Fidelio gewordene Leonore als Mann zu bekommen. Die Dialoge dazu werden nicht gelebt, manchmal kommen sie aus dem Off. Ohnehin nehmen die Menschen wenig Bezug aufeinander. Häufig stehen sie an der Rampe, als würden sie eine konzertante Aufführung gestalten – oft um Kontakt zum Dirigenten bemüht.

Dass sich mit der Sehnsucht und Hoffnung auf Freiheit Vorstellungen verbinden, die von der Realität nicht eingelöst werden können, das immerhin wird deutlich. Vor allem in der Wiederbegegnung des eingekerkerten Freiheitskämpfers Florestan und der nicht minder entschlossen für Freiheit kämpfenden Leonore. Sie sind sich fremd geworden, nähern sich nach der Rettung erst fast gar nicht an, dann scheu, ihre Hände suchen sich. Ein seltener Moment, der Gefühl zeigt und nicht ausstellt. Für den finalen Triumph muss der gewaltig brausende Chor sorgen, der in immer größerer Masse auf die Bühne quellt. Die Akteure verschwinden in der weiß gekleideten Menge aus dem Blick. Es grünt dazu sehr grün der Wald. . .

Die Sänger reißen vieles raus, können in den zweifellos schweren Partien trotzdem nur bedingt überzeugen. Einen starken Auftritt legt Simone Schneider hin, mit einer von Kraft und Dramatik gezeichneten Leonore. Falk Struckmann findet sich schnell und gewinnend in den Rocco ein, singt und spielt ihn mit Nachdruck als pragmatisch handelnden Mann. Werner von Mechelens Schurke Don Pizarro trumpft mal auf, taucht aber ebenso schnell ab.

Florestan und die Badewanne

Im zweiten Akt dann muss sich Christopher Ventris als Florestan beweisen. Delnon lässt ihn in der grell ausgeleuchteten Gruft in einer Art Badewanne dem Verfall entgegen vegetieren. Da ist es fast schon verständlich, dass Ventris die Spitzentöne wegbrechen, er bekommt dann aber doch einige Farbe in seine Partie. Die anderen machen ihre Sache ordentlich, Mélissa Petit singt mit unbekümmert wirkender Lockerheit die Marzelline, Thomas Ebensteins Jaquino schlägt sich gut. Die Suppe versalzen aber haben die Chefs.

Von Hans-Martin Koch