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LoChorMotion kann sich vor Anfragen kaum retten und führt sein „Abgemurkst“-Programm ein sechstes Mal auf. Foto: A/t&w

Siechen oder siegen

Lüneburg. Zu den gesuchtesten Männern in Deutschland zählen Tenöre. Kaum ein Chor, der nicht nach ihnen fahndet. Tenöre sind aber nicht das einzige Problem der Chöre. Auch nicht, dass es generell an Männern fehlt. Das Problem im deutschen Chorwesen liegt tiefer: Die einen siechen dahin, die anderen können sich vor Zugängen nicht retten. Es gibt keine Krise des Singens, aber einen strukturellen Wandel mit Opfern und Gewinnern.

Wer siecht?

Es sind vor allem die oft seit rund hundert Jahren bestehenden gemischten Chöre auf dem Dorf, denen nun der Nachwuchs ausgeht. Die Tradition zieht nicht mehr, das Repertoire mit viel Volkslied, Operette und romantischen Weisen spricht ein jüngeres Publikum nicht an, und aus diesem Kreis müsste der Nachwuchs kommen. Schraubt sich zugleich das Durchschnittsalter eines Chores immer weiter nach oben, schwindet die Motivation zum Einstieg bei Jüngeren. Es singt sich leichter und fröhlicher im Kreis von Menschen, die mehr oder weniger einer Generation entstammen.

Der Lüneburger Silcher-Chor besteht aus Männern von durchschnittlich etwa 75 Jahren. Auch jüngere Chöre kennen das Problem, zum Beispiel Femmes Vocales und L‘Ohreley, 1996 von Birke Licht gegründet. Der Kreis der Sängerinnen entstammt weitgehend einer Alters- und sozialen Gruppe. Als Frauenchor der nächsten Generation ließe sich MissTöne nennen. Je jünger die Mitglieder, desto jünger auch das musikalische Repertoire, aus dem die Chöre nicht nur, aber vor allem schöpfen.

Kaum noch bestehen können die Kirchenchöre auf dem Land. Einige wie in Embsen und Kirchgellersen halten sich mit dem Wechsel zur Gospelmusik über Wasser. An erheblichem Tenormangel leiden die Chöre auch, mitunter können Frauenstimmen das kaschieren.

Wer siegt?

Es sind eine Menge junger Chöre, meistens mit Fantasienamen, entstanden, und manche sind so erfolgreich, dass sie sich selbst mitunter einen Aufnahmestopp verordneten. „Wir können uns vor Anfragen nicht retten“, sagt Nicole Lohmann vom Lüneburger Chor LoChorMotion. Das jüngste Programm „Abgemurkst“ mit Krimi-Spielszenen wurde fünfmal vor ausverkauftem Haus aufgeführt. LoChorMotion legt nach. Am Sonnabend, 17. Februar, singt er sein mit viel Rock und Pop durchsetztes Krimiprogramm noch einmal. Lieder von Anna Depenbusch bis Elton John, von den Ärzten bis Bodo Wartke werden um 20.15 Uhr in der Aula der Christianischule gesungen – zugunsten des Arche-Parks in Ochtmissen.

Trifft das Programm den Nerv der Zeit, kommt Publikum. Der Frauenchor Femmes Vocales hatte im November mit dem „Touch the Song“-Programm im Museum Lüneburg viel Erfolg. Zwei Konzerte, beide ausverkauft. Wegen der großen Nachfrage und der begrenzten Zahl der Zuhörer wird das Konzert mit Heil-, Schlaf- und Liebesliedern am 9. und 10. Februar wiederholt.

Auch die großen Kantoreien in der Stadt sind stark besetzt. Den Kantoren gelingt es zum Beispiel, aus dem Kreis der Studierenden frische Stimmen hinzuzuziehen. Insgesamt steigt das Durchschnittsalter aber auch eher, als dass es fällt.

Dass gemeinsames Singen Spaß macht, zeigt das monatliche Format „Lüneburg singt“, zu dem vor wenigen Tagen sage und schreibe 900 Besucher kamen, darunter knapp 90 Prozent Frauen. Der große Unterschied: „Lüneburg singt“ findet einmal im Monat statt, jede/r singt so mit, wie sie oder er will, und keiner fragt, warum man nicht da ist. Es ist ungezwungen, ohne Anspruch auf künstlerische Qualität. Es geht um Singen als Wellness – und dafür werden Eintrittskarten so schnell verkauft wie sie gedruckt werden. Der Erfolg ist auch ein Zeichen dafür, dass sich viele Menschen nicht an feste Zeiten und Organisationen binden wollen, sondern ihr Interesse punktuell Tat werden lassen. Das betrifft nicht nur Chöre, sondern Vereine aller Art.

Was tun?

Das fragt sich der Deutsche Chorverband im Großen, der Kreis-Chorverband im Kleinen. Dr. Franz-Peter Schmitz vertritt rund 20 Chöre, vom MGV Frohsinn Barskamp über den Silcher-Chor bis zu LoChorMotion. Der 68-Jährige macht sich Gedanken, wie die Chöre auf sich aufmerksam machen können. Eine Idee: Wir machen ein Festival. „Wir wollen die Menschen miteinbeziehen und das Attraktive am Chorsingen aufzeigen.“ Schmitz plant einen „ChorSeptember“, am 2., 15. und 30.

Mitstreiter hat Schmitz schon einige gefunden, darunter das Theater. Aber noch entwickelt Schmitz seine Pläne. Aktuell sehen sie so aus: Am 2. September soll parallel zum verkaufsoffenen Sonntag in der Innenstadt gesungen werden. Für den 15. September ist ein sakrales Programm in der Michaeliskirche geplant. Die Kirche ist in der Zeit als unbestuhlte Wandelkirche zu erleben. Kreis-Chorleiterin Monika Grade kümmert sich um die Details. Schließlich soll am 30. September ein großes Programm in der Leuphana steigen, mit einem Volksliedersingen für Familien und der Möglichkeit, dass sich Chöre präsentieren. Zum Finale wird mit den Lüneburger Symphonikern gesungen: „Carmina burana“.

Franz-Peter Schmitz sucht für den ChorSeptember Sponsoren, Helfer, Sänger. Erreichbar ist er per Mail: fp@fpschmitz.eu.

Von Hans-Martin Koch