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Die Literatur-Journalistin Ina Hartwig (Foto) hat sich auf die Spuren von Ingeborg Bachmann geheftet.

Bachmann und die Alphamännchen

Lüneburg. Sten Nadolny hat mit einem Kapitel aus der „Entdeckung der Langsamkeit“ den Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen, und das Preisgeld zwecks „Entbitterung“ mit den anderen Kandidaten geteilt. Der Lüneburger Tex Rubinowitz zählt zu den Gewinnern jenes Vorlesewettbewerbs in Klagenfurt, der bis heute zu den renommiertesten Literatur-Auszeichnungen gehört. Die Namensgeberin ist dabei ein wenig in den Hintergrund getreten. „Wer war Ingeborg Bachmann?“, fragt Ina Hartwig. Das ist auch der Titel ihrer „Biographie in Bruchstücken“, die sie am Montag, 19. Februar, im Heinrich-Heine-Haus vorstellt.

Krimi über den grausamen Tod

Ingeborg Bachmann, geboren 1926 in Klagenfurt; gestorben im Alter von nur 47 Jahren in Rom, gilt als eine der bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikerinnen und Prosa-Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts. Für verklärte Erinnerungen an die Autorin haben auch ihre exzentrischen Auftritte gesorgt, Beziehungen mit Paul Celan und Max Frisch, nicht zuletzt ihr tragischer, einsamer, noch immer etwas rätselhafter Feuertod, der in Zusammenhang steht mit einer im Bett gerauchten Zigarette und ihrer fast schon grotesken, wohl zu körperlicher Unempfindlichkeit führenden Tablettensucht.

Ina Hartwig schaut hinter die Fassade und entdeckt in zahlreichen Gesprächen mit Zeitzeugen wie Hans Magnus Enzensberger, Martin Walser oder Henry Kissinger eine andere Persönlichkeit: Ingeborg Bachmann als politisch denkende Intellektuelle und Medienprofi, als Dichterin, die trotz all ihrer Gefährdungen überrascht mit Witz und lebenspraktischer Klugheit. „Statt Gottesdienst für eine Ikone endlich ein kluges Buch über die Dichterin in ihrer Zeit, voller neuer Einsichten und O-Töne von Zeitgenossen“, schrieb Verena Lueken in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Hartwigs Recherchen über das grausame Ende Ingeborg Bachmanns lesen sich, so dpa-Literaturkritiker Thomas Borchert, fast wie ein Krimi.

Zum roten Faden der Biographie wurde, was auch die Autorin verblüffte, die Beziehung Bachmanns zu Henry Kissinger, ehemals US-Außenminister unter Nixon und (höchst umstrittener) Friedensnobelpreisträger. Der mittlerweile 94-Jährige konnte sich beim Interview im Berliner Hotel Adlon – mehr als 60 Jahre nach seiner ersten Begegnung – noch klar an die hochintelligente Österreicherin erinnern, die er zwischen 1955 und 1965 auch in 35 draufgängerischen Briefen „unverblümt beflirtete“.

Die Persönlichkeit steht im Mittelpunkt

Konkrete Lese-Tipps für das umfangreiche Bachmann-Werk bietet die Biographie eher wenig, es geht eben vor allem um die Persönlichkeit. Die Biografin erzählt dabei nicht einfach chronologisch, sondern konzentriert sich auf Wendepunkte. Dazu gehören die Zeit des frühen und plötzlichen literarischen Ruhms, zeitgleich mit der Beziehung zum Lyriker Paul Celan, dem Holocaust-Überlebenden, und das schwierige Verhältnis zum eigenen Vater mit dessen von der Tochter eisern und wohl schamhaft verschwiegener Mitgliedschaft in der Nazi-Partei. Diskutiert wird auch die problembeladene, sich um Geschlechterrollen drehende Beziehung mit Nobelpreisträger Max Frisch. Die Bachmann schien Alpha-Männchen anzuziehen.

Ina Hartwig, 1963 in Hamburg geboren, wuchs in Lüneburg auf. Nach dem Abi in Oedeme studierte sie Romanistik und Germanistik in Avignon und Berlin, promovierte schließlich über Proust, Musil, Genet und Jelinek. Neben Lehrtätigkeiten war sie viele Jahre lang verantwortliche Literaturredakteurin bei der Frankfurter Rundschau. 2011 erhielt sie den Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik. In den Jahren 2014 und 2015 wirkte sie am Drehbuch des 2016 erschienenen Films „Die Geträumten“ über Ingeborg Bachmann und Paul Celan mit. Seit 2016 ist Ina Hartwig Kulturdezernentin in Frankfurt am Main.

Die Lesung der 2017 im S. Fischer Verlag erschienenen Biographie am 19. Februar, 19.30 Uhr, zählt zu der Reihe „ausgewählt“ des Literaturbüros; Axel Kahrs moderiert den Abend.

Von Frank Füllgrabe