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Festivals wandeln sich und bieten allen Generationen ein Programm - so wie hier beim Summer's Tale Festival 2017 in Luhmühlen. Foto: t&w

Es gibt weniger Top-Stars – Interview mit Festival-Booker Stephan Thanscheidt

Hamburg. Der Kampf um die Künstler im kommenden Sommer ist entschieden. Die großen Festivals haben ihre Headliner und all die anderen Bands weitgehend beisammen . Jetzt läuft der Kampf ums Publikum in einer sich laufend wandelnden Festivallandschaft. Einer der besten Kenner der Szene ist Stephan Thanscheidt, Geschäftsführer bei FKP Scorpio und verantwortlich für das Festivalbooking. Die Hamburger Agentur veranstaltet große Festivals in Deutschland, darunter Hurricane, Highfield, M‘era Luna, A Summer‘s Tale, Deichbrand, Rolling Stone Weekender. Thanscheidt ist auch für Festivals in Österreich, in der Schweiz, in den Niederlanden, in Dänemark, Schweden und Finnland im Einsatz. Keine Stellung nimmt Thanscheidt zur geplanten Lüneburger Arena, die FKP Scorpio betreiben soll: „Es ist nichts unterschrieben.“

Gibt es unter Veranstaltern eigentlich Absprachen, wer welchen Künstler bekommt? Oder ein Wettbieten?
Thanscheidt: Absprachen gibt es keine, Wettbieten mitunter schon. Je nach Profil des Festivals, bieten schon mal alle auf die gleichen Acts. Oft liegt die Entscheidung aber gar nicht an den tausend Euro mehr, sondern an Fragen wie: Tourt die Band überhaupt zum gewünschten Zeitpunkt? Passt es ins Routing, wie viel Fahrerei hängt damit zusammen und anderes. Es sind viele Faktoren, die da zusammenkommen, natürlich spielt auch Wettbewerb eine Rolle.

Zu den größten von Ihnen produzierten Festivals in Deutschland gehört mit rund 75 000 Besuchern das seit 1997 bestehende Hurricane. Altert eigentlich das Publikum mit, sodass sich der Charakter des Festivals ändert?
Nein, der Altersschnitt ist immer im Bereich von 18 bis 35 Jahren geblieben, im Schnitt etwa bei 23. Das liegt am Image des Festivals sowie an den gebuchten Künstlern. Wir investieren viel in unsere Festivalmarken und überlegen genau, welche Künstler zur jeweiligen Zielgruppe passen. Das ist bei einem Special-Interest-Festival für eine genau umreißbare Zielgruppe wie dem von uns organisierten Gothic-Event M‘era Luna in Hildesheim, zugegeben etwas klarer als bei anderen Festivals.

Stephan Thanscheidt, Geschäftsführer bei FKP Scorpio, ist für die Künstlerauswahl bei Festivals verantwortlich. Foto: FKP Scorpio
Stephan Thanscheidt. Foto: FKP Scorpio

Mit „A Summer‘s Tale“ in Luhmühlen/Westergellersen haben Sie ein Festival für eine Generation geschaffen, die mehr Komfort will, als es das Hurricane bieten kann. Was heißt das für das Booking?
Das Publikumsalter dieses Festivals liegt im Durchschnitt höher, es kommen viele junge Familien und Musikfans zwischen 35 und 55, wie auch Leute Mitte 20, die Lust auf ein gepflegteres Festival haben. Es macht keinen Sinn, dort Punk, Hip-Hop oder Hardcore-Bands zu buchen. Wir haben anspruchsvollere Künstler da, wie PJ Harvey oder Sigur Rós. Es gibt aber natürlich auch Künstler, die zu verschieden konzipierten Festivals passen, Franz Ferdinand waren im vergangenen Jahr Headliner bei A Summer‘s Tale, spielen in diesem Jahr beim Hurricane. Mit Noel Gallagher geht das auch. Es kommt immer darauf an, die richtige Mischung zu finden, das ist die größte Herausforderung. Bei A Summer‘s Tale haben wir mit vielen sehr ruhigen Künstlern begonnen, sind aber flotter geworden. Das wird man auch in einigen Tagen sehen, wenn wir weitere Acts für dieses Jahr nennen können, neben schon bekannten wie etwa Fury In The Slaughterhouse und Passenger.

A Summer‘s Tale bekommt für sein Konzept Preise, bei den Medien Superlative, entscheidet aber über den Erfolg am Ende nicht doch die Auswahl, sprich Popularität der Künstler?
Nicht unbedingt, wobei das natürlich ein wichtiger Faktor ist. A Summer‘s Tale verkauft sich nicht in erster Linie über die Headliner, sondern vor allem über das Gesamtkonzept. Es ist ja nicht so sehr ein Musikfestival, stattdessen eines mit viel Activity, Literatur, Naturerlebnis, Kinderprogramm und mehr. Ja, und dann spielen da natürlich noch gute Musiker und Bands. Es sind bei A Summer‘s Tale mehr als 25 Konzerte zu erleben, beim Hurricane sind es über 100. Wir bieten aber in diesem Jahr für A Summer‘s Tale auch reine Musiktickets an, die dann für den jeweiligen Abend gelten.

Es gibt oft zu hören, Konzerte und Festivals würden zu viel Eintritt kosten. Verstehen Sie solche Äußerungen?
Man muss sehen: Die Kosten für Festivals sind sehr, sehr hoch. Für A Summer‘s Tale gilt das besonders, weil es schon bei der Planung sehr anspruchsvoll ist. Generell gilt für die Festivals, die wir europaweit betreiben, dass die Gagenforderungen der größte Faktor sind. Auch Kosten für Personal, Material, Versicherungen, stark steigende Sicherheitsvorkehrungen fließen in die Kalkulation ein.

Gibt es bei Festivals Trends, denen Sie folgen oder die Sie setzen?
Es gibt hier einen stetigen Wandel, und wir arbeiten immer daran, unsere Veranstaltungen dementsprechend weiterzuentwickeln. Auch Leuten, die älter als 30 sind, wollen wir coole Festivals anbieten, ob indoor oder outdoor, für die Zielgruppen gibt es nicht so viele Angebote. Da ist natürlich zuerst A Summer‘s Tale zu nennen, es ist detailverliebt, bietet viele Extras, achtet auf Nachhaltigkeit. Wir lieben das Konzept. Wir machen es für rund 15 000 Leute. Wenn es zu groß wird, verliert das Festival einiges von dem Charakter, der es ausmacht. Es soll sich natürlich tragen, bisher haben wir dort noch keinen Cent verdient, sind aber auf einem guten Weg. Zu nennen ist auch der Rolling Stone Weekender im Ferienpark Weißenhäuser Strand. Da ist das Publikum im Durchschnitt eher 50. Die Leute wollen nicht campen, sondern ein Appartement, ein Hotelzimmer. Das Festival ist immer ein halbes Jahr vor Beginn ausverkauft und wir führen das Konzept darum jetzt mit dem Rolling Stone Park auch im Süden, im Europa-Park, fort.

Der Tonträgermarkt ist so gut wie tot. Um Geld zu verdienen, müssen Musiker mehr denn je auf die Bühne. Gibt es im Tourneebetrieb nicht ein Überangebot an Künstlern?
Mit Tonträgern ist tatsächlich nicht mehr so viel zu verdienen wie noch vor einigen Jahren. Auftritte und Merchandising sind darum immer wichtiger geworden. Es gibt natürlich viel mehr Künstler auf dem Markt, weil es leicht ist, über YouTube und andere Kanäle Musik herauszubringen. Um verlässlich und professionell Publikum in die Konzerte zu bekommen, braucht es aber häufig noch ein bisschen mehr. Wir schauen uns den Markt natürlich genau an, bauen auch viele junge Künstler auf.

„Künstler, die 1500 bis 4000 Menschen in ihre Konzerte ziehen, können sehr gut davon leben.“  – Stephan Thanscheidt, FKP Scorpio

Wachsen eigentlich Künstler nach, die zuverlässig große Arenen füllen?
Es wachsen große Künstler nach, aber heutzutage aufgrund der Vielzahl von Veröffentlichungen weniger konzentriert. Es sind Hip-Hop-Acts darunter, auch Künstler wie Mumford & Sons und Ed Sheeran, auf die wir schon früh gesetzt haben. Auch die Foo Fighters laufen irre gut. Etwas gescheitert sind in jüngerer Zeit echte Rockbands. Es gibt eben eine neue Generation von Medienkonsumenten, die schnell einen Klick weiter ist. Die Leute picken sich was raus, streamen, Loyalität zu einzelnen Künstlern gibt es vergleichsweise weniger, sodass dementsprechend weniger richtig große Top-Stars nachwachsen.

Ist der Eindruck richtig, dass wenige Künstler sehr viel verdienen, viele aber sehr wenig?
Das täuscht. Es gibt einen starken Mittelbau. Künstler, die 1500 bis 4000 Menschen in ihre Konzerte ziehen, können sehr gut davon leben. Die großen Künstler haben sich ihre Popularität und die großen Gagen sehr hart erarbeitet.

Sie haben die Rolling Stones veranstaltet. Die sollen pro Auftritt mehr als fünf Millionen Euro kassieren.
Ich kommentiere die Gage natürlich nicht. Aber ich kann sagen, dass es auch für uns gut gelaufen ist. Nur über solche Erfolge können wir auch neue Festivals wie A Summer‘s Tale aufbauen.

Das Interview führte Hans-Martin Koch