Donnerstag , 13. Dezember 2018
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Ziemlich cool, ziemlich frech, musikalisch erstklassig: das vision string quartet. Foto: Tim Kloecker
Ziemlich cool, ziemlich frech, musikalisch erstklassig: das vision string quartet. Foto: Tim Kloecker

Vorsicht, frisch gestrichen!

Egestorf. Gerade haben sie Debussy gespielt, Streichquartett g-Moll op.10. Natürlich bis auf den Cellisten im Stehen, natürlich ohne Noten, natürlich maximal farbig und feingliedrig. Sie wissen genau, was sie tun. Jetzt haben sie Tonabnehmer auf Geige, Bratsche, Cello angebracht – und schrumm!, fettes Bassriff. Noch mal in Verdoppelung und es rockt wie einst die Beatles, nur viel raffinierter. Die Lightshow ist angeworfen in der katholischen Kirche, aber es steht nach wie vor ein junges Streichquartett auf der Bühne, das gerade noch Debussy spielte. Das vision string quartet mischt die Programme und damit die Klassikszene auf. Kammermusik, für viele das verstaubteste aller Genres, klingt dank vier junger Männer explosiv wie nie zuvor – auf höchstem Niveau.

Das Konzept zieht. Im Reich der vielen etablierten Quartette mucken sie kräftig auf. Jacob Encke, Daniel Stoll (Violinen), Leonard Disselhorst (Violoncello) und Sander Stuart (Viola) haben schon die großen Festivals im Land bespielt, sie räumen Preise ab. Gerade kassierten sie den mit 60.000 Euro dotierten Jürgen-Ponto-Preis. Sie traten vor wenigen Tagen in Brasilien auf, reisen ins Heidedorf Egestorf, tags drauf spielen sie in der Elbphilharmonie und weiter geht es nach Berlin. Die kleine Bühne mögen sie wie die große, sie lassen sich nur auf einen Punkt festnageln – Qualität!

Sie reizen Dynamik und Tempi aus

Beim renormmierten Artemis Quartett haben die schon seit 2012 zusammenspielenden Mittzwanziger studiert und ihr Können bei einer langen Reihe erstklassiger Lehrer perfektioniert. Nun eröffnen sie den Abend mit einer eigenen Bearbeitung von Schuberts „Erlkönig“, eins zu eins übertragen, mit Tiefe, mit Leidenschaft. Sie reizen Dynamik und Tempi aus, haben spürbar Spaß am forcierten Klang, aber wechseln wunderbar weich ins Stille. Sie überreizen nicht, dafür spielen sie zu sensibel, zu präzis aufeinander abgestimmt. Nun Debussys einziges Streichquartett, das genaues Hinhören verlangt, um in der klassischen Viersätzigkeit all die farbig schillernden Klänge, die Zitate exotischer Klangkulturen aufzunehmen. Das vision string quartet hat das Stück spürbar genau erarbeitet, es gleitet wie mühelos durch die Sätze, herausragend gefühlvoll der langsame Satz.

„Wir hören vielerlei Art von Musik“, sagt Jakob Encke, der erste Geiger, von dem alle Energie ausgeht. Sie brechen mit Herz und Lust und Können aus der Klassik aus. „Wir haben einfach Lust, das Spektrum breiter zu machen“, sagt Encke. Darum spielen sie ausgeklügelte Arrangements aus Pop und Rock, gehen über zu Gershwin, swingen, wobei das Cello täuschend echt zum Kontrabass wird. Für eine Samba werden Geigen zu Gitarren, und per „Chopping“, exakten Schlägen mit dem Bogen auf die Saiten, bekommen Stücke percussiven Groove.

Zunehmend setzt das Quartett auf eigene Kompositionen: Zum Schluss prasseln an diesem Abend „Hailstones“, also Hagelkörner, durch den Saal – es grenzt an Heavy Metal. Das Licht flackert rhythmisch, die Reaktionen der zumeist recht alten und gediegene Abende gewohnten Zuhörer sind laut und heftig wie bei einem Rockkonzert. Es gibt natürlich auch ein paar, die sagen: „Das geht gar nicht.“

Das erste Album bei einem großen Label steht bevor

Ganz neu ist das alles nicht. Mit Jazz, Rock, Filmmusik und mit Lichtstimmungen arbeitet das Kronos Quartet seit 45 Jahren. In den Jazz guckt Quatuor Ébène, nordischen Folk hat das Danish String Quartet schon auf CD gebannt, auch sie können zu den „neuen Wilden“ gerechnet werden. Elektrisierender aber, frischer, jünger kommt das vision string quartet daher. Die Vier setzen in klassischen Teilen gern Videos ein, das Licht spielt immer eine Rolle, sie spielen aber auch mal im komplett Dunkeln. Ausprobieren, was ohne Verlust an Gehalt möglich ist, was Spaß und Sinn macht, treibt das Quartett voran – bis zur Performance und zur Moderation, die alles andere als staubtrocken ist und an Lockerheit noch gewinnen wird. Encke liest schon mal ein schräges, plötzlich wegbrechendes Gedicht vor oder erzählt von den „alternativen Abfahrtzeiten“ der Bahn – das Quartett reist per Zug, wann immer es geht. „Wir haben gar kein Auto.“

Das erste Album bei einem großen Label steht bevor, es wird ein klassisches Repertoire enthalten: Bartók, Schostakowisch, Schulhoff. Das zweite Album wird vorbereitet, auf ihm wird die andere Seite erklingen. „Wir machen diese Programme nicht, um junges Publikum zu überzeuegn, sondern weil wir Lust darauf haben“, sagt Encke. Es wäre ein schöner Nebeneffekt, wenn darüber ein jüngeres Publikum zur Kammermusik käme. Bis auf weiteres werden sie sich damit begnügen, dass die Alten sich von Jungem anstecken lassen.

Von Hans-Martin Koch

Das Egestorfer Musikwunder

Kleines Dorf, große Klassik

Warum spielen Weltstars oder Musiker, die auf dem Weg dorthin sind, im Heidedorf Egestorf? Gegründet hat sich dort 2011 ein Musikfreunde-Verein. Er macht mit viel – auch finanziellem – Engagement möglich, was sonst nur Festivals gelingt: große Musik aufs Land zu tragen. Der Verein engagierte Top-Pianisten wie Martin Stadtfeld und Kit Armstrong, die Geigerin Midori, den Bratschisten Nils Mönkemeyer etc. Michael Rutz vom Verein kündigte als nächstes ein Konzert mit Geigerin Franziska Hölscher und Pianistin Lauma Skride an: Ostermontag, 2. April, 19 Uhr, St. Marien.