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Hanno Kiehl kontrolliert die Abmessungen des Halses einer Konzertgitarre mit einem Korpus aus Zeder und Rio-Palisander. (Foto: ff)
Hanno Kiehl kontrolliert die Abmessungen des Halses einer Konzertgitarre mit einem Korpus aus Zeder und Rio-Palisander. (Foto: ff)

Das Holz muss schwingen

Steddorf. Es hängen kaum Bilder in der Werkstatt von Hanno Kiehl. Wozu auch, es ist schließlich eine Werkstatt. In der Ecke aber, auf einem Regal, steht ein kleines, gerahmtes Porträtfoto. Es zeigt einen Guru – Antonio de Torres Jurado, den Mann, der im 19. Jahrhundert die Klassik-Gitarre in ihrer noch heute gebräuchlichen Form entwickelte. Auch Hanno Kiehl baut solche Gitarren, zugleich entwickelt er die Instrumente weiter: mehr Fülle, mehr Lautstärke, mehr Seele, das ist die Devise.

Ende 2016 zog der gebürtige Hamburger nach Steddorf (Landkreis Uelzen), richtete seine Werkzeuge in einem kleinen ehemaligen Schweinestall ein. Dazu kommt das Holzlager, für einen Instrumentenbauer der kostbarste Besitz. Kiehl selbst braucht nicht viel Platz. Selbst die Arbeitsstätten berühmter spanischer Gitarrenbauer, deren Schöpfungen so viel kosten wie eine Limousine, sind zuweilen – fast unauffindbar – in Hinterhöfen untergebracht, was manche Pilger zur Verzweiflung bringt.

Auch Hanno Kiehl baut vorzugsweise in der Oberklasse. Dazu gehört, dass er seine Gitarren grundsätzlich mit Schellack-Politur behandelt. Schellack wird – nach jahrtausendealtem Rezept – aus den Ausscheidungen der Lackschildlaus Kerria lacca gewonnen. Es ist sehr weich, also empfindlich, man kann mit dem Fingernagel hineindrücken. Die Oberfläche sieht schick aus, betont die Maserung des Holzes – vor allem aber behindert der Lack die Schwingung der Korpusdecke kaum, denn das ist das erste Gesetz der Branche: .

Die Feinabstimmung ist entscheidend

Sogar der Hals und das Griffbrett werden für den Klang verantwortlich gemacht. In erster Linie jedoch ist es die Konstruktion der Decke, die Anordnung der Balken an der Unterseite. Hier wird experimentiert, zuweilen mit Kunststoffgittern (um Gewicht zu sparen) oder mit Holz pur, Hanno Kiehl macht aus seinen Ideen keine Geheimnisse. Die Konstruktion liegt ja (mehr oder weniger) zutage, und die Qualität hängt von dem Zusammenklang der Hölzer, von der Feinabstimmung ab, und da ist sowieso jede Gitarre ein bisschen anders.

Eigentlich wollte Hanno Kiehl, Jahrgang 1972, Lehrer werden. Doch während des Studiums kamen Zweifel. Ein Händchen für Holz hatte er schon immer, für Modellflugzeuge beispielsweise, und für Musik, als Teenager baute er sich schon mal einen E-Bass. Nun landete er, da war etwas Zufall im Spiel, bei dem Hamburger Gitarrenbauer Michael Wichmann, absolvierte sicherheitshalber noch sein Erstes Staatsexamen, und widmete sich seitdem den Zupfinstrumenten. Dabei kristallisierte sich auch eine Vorliebe für Gipsy-Swing-Gitarren heraus, also für jene Instrumente, wie sie der legendäre Django Reinhardt spielte, und die bis heute in seiner Zunft einfach Pflicht sind.

Die Erinnerung an Norwegen bleibt

Für acht Jahre zog Hanno Kiehl, der gern weit radelnde Skandinavien-Fan, nach Norwegen, etablierte sich dort mit seinem Handwerk, kehrte aber schließlich zurück nach Hamburg. Die Stadt war ihm inzwischen zu laut und zu grell, hier hat er heute noch einen kleinen Stützpunkt. „Ich wollte nach Lüneburg, die Stadt ist ja wirklich schön“, sagt er. Aber billig ist sie auch nicht gerade, und so fand er schließlich, gemeinsam mit seiner Frau, was Schönes in Steddorf, hier ist auch für Tochter und Sohn Platz zum Toben. Und als Bauer von Edelgitarren ist man nicht unbedingt auf Laufkundschaft angewiesen.

Ein Plakat von der „Bergen Instrumentmaker Messe“ in Norwegen hängt aber doch noch an der Wand in der Werkstatt.

Von Frank Füllgrabe