Aktuell
Home | Kultur Lokal | Der Tiefbegabte ermittelt
Hochbegabt der eine, etwas verpeilt der andere: Yves Dudziak und Paul Brusa spielen zwei höchst unterschiedliche Freunde. (Foto: Theater)
Hochbegabt der eine, etwas verpeilt der andere: Yves Dudziak und Paul Brusa spielen zwei höchst unterschiedliche Freunde. (Foto: Theater)

Der Tiefbegabte ermittelt

Lüneburg. Rico ist ein guter Junge, alle mögen ihn – aber es lässt sich nicht leugnen, dass er ein wenig verpeilt ist. Vorher und nachher, rechts und links, das sind so Dinge, die er gern durcheinander bringt. Weshalb er mit seiner Mutter in der Dieffenbachstraße wohnt: Sie führt schnurgeradeaus, da kann er sich beim Einkauf nicht verlaufen. Auch nicht auf dem Weg zur Schule, dem „Förderzentrum“, wie Rico lieber sagt. Er hält sich für „tiefbegabt“, das erzählt er auch jedem. Eines Tages aber läuft der tragikomische Typ zu ganz großer Form auf. Davon erzählt das Stück „Rico, Oskar und die Tieferschatten“ im T.3 des Lüneburger Theaters.

Rico heißt eigentlich Frederico Doretti. Der Vater lebt nicht mehr, die schöne Mutter betreibt einen Nachtclub. Sie liebt ihren Jungen und fördert ihn nach Kräften, ist aber eben selten daheim – oder sie schläft tagsüber. Dafür gibt es in dem großen Haus, einer typischen Berliner Mietskaserne, noch andere Bewohner, die zwar auch etwas verschroben rüberkommen, aber dem neugierigen Rico die Wohnungstür öffnen – ein Biotop liebenswerter Spinner.

Nur ein echter Freund fehlt ihm. Der taucht tatsächlich eines Tages auf, auch wenn es zunächst nicht so aussieht: Oskar ist hochbegabt, aber ebenfalls ein Underdog – ein großer Klugscheißer vor dem Herrn, der exakt die Entfernung der Erde zum Mond benennen kann, dafür immer mit einem Helm herumläuft. Denn so viel ist mal klar: Gefahren für Leib und Leben lauern überall, beim Treppensteigen beispielsweise, oder beim Händeschütteln.

Auf der Spur des Aldi-Entführers

Dass Rico ihm unbedingt „etwas ganz Tolles“, nämlich den Dachgarten im fünften Stock zeigen will, hält Oscar für gar keine gute Idee. Er steigt ihm aber schließlich leicht taumelnd hinterher. Doch schon am nächsten Tag verschwindet der Schlaumeier von der Bildfläche. Rico ist untröstlich. Dann setzt er seinen sonst so unzuverlässigen Denkapparat in Gang, und kombiniert: Ist Oskar das sechste Opfer des sogenannten Aldi-Entführers, der als Lösegeld immer nur zweitausen Euro haben will? Ist der Täter womöglich gleich nebenan in der „Dieffe“ zu suchen? Dies alles hat ein bisschen den Berliner Charme von Erich Kästners „Emil und die Detektive“. Mut und Beharrlichkeit werden belohnt, am Ende gibt es ein dickes Happy End für einsame Menschen.

Der hippelige Rico versucht tapfer, zu lernen, lässt sich fremde Worte erklären, die er aufschnappt, und steckt die Nase immer wieder ins Lexikon. Merkzettel pflastern die Wände daheim, aber ach – immer purzeln ihm die Gedanken durcheinander. Erzähler Andreas Steinhöfel hatte für sein Jugendbuch, das auch für das Kino verfilmt wurde, wohl die moderne Diagnose „Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom“ im Blick.

Es gibt bereits einen Zusatztermin

Vor diesem Hintergrund inszenierte Sabine Bahnsen eine flotte Abenteuergeschichte mit den nötigen Atempausen. Die Bühne besteht vor allem aus fünf verschiebbaren Türen, die von allen Seiten umlaufen werden. Rico wird ebenso zappelig wie liebenswert gespielt von Paul Brusa. Die Aufmerksamkeit der Premieren-Zuschauer und ihr Applaus galten ebenso Yves Dudziak (Oskar), Beate Weidenhammer und Jan-Philip Walter Heinzel in mehreren Rollen. Dazu Johannes Speh, der im Wechsel mit Thomas Doerk dafür sorgt, dass die Show rund läuft.

Die Resonanz ist groß, die rund 80-minütige Produktion, konzipiert für Zuschauer ab neun Jahren, wurde bereits um eine Zusatzvorstellung erweitert, das ist der 15. Mai.

Von Frank Füllgrabe