Donnerstag , 20. September 2018
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Hier ist das Ensemble noch vor der Probe auf der T.NT-Bühne friedlich beieinander. Das Stück aber erzählt von alten Sünden, die sich nun rächen und die Gemeinschaft ganz schön belasten. Auf dem Foto fehlen Mareike Allerding und Georg Becker. (Foto: ff)
Hier ist das Ensemble noch vor der Probe auf der T.NT-Bühne friedlich beieinander. Das Stück aber erzählt von alten Sünden, die sich nun rächen und die Gemeinschaft ganz schön belasten. Auf dem Foto fehlen Mareike Allerding und Georg Becker. (Foto: ff)

Die Herrschaften werden nervös

Lüneburg. Die Hauptperson des Stückes erscheint nicht zur Probe im Studio des Lüneburger Theaters, und wird es auch künftig nicht tun. Trotzdem ist sie bei der Komödie der Niederdeutschen Bühne Sülfmeister immer präsent: „De lüttje Wippsteert“, das war eine junge, agile Tänzerin, eine mit Hummeln im Hintern, wie man auf Hochdeutsch sagen würde. Und sie hat den Männern im Dorf ganz schön den Kopf verdreht. Das ist schon lange her, sie ist längst fort, aber die Herren haben bis heute ein sehr, sehr schlechtes Gewissen, denn die umtriebige Dame ist seither Mutter.

„De lüttje Wippsteert“ also, eine niederdeutsche Übersetzung des (1913 uraufgeführten) Schwanks „Die spanische Fliege“ von Franz Arnold und Ernst Bach, feiert am Sonnabend, 23. Februar, um 20 Uhr Premiere in der Regie von Burkhard Schmeer. Ein echter Gassenhauer des plattdeutschen Theaters, zugleich etwas Besonderes, denn die „Sülfmeister“ feiern ihr 30-jähriges Jubiläum.

Am Anfang war Shakespeare

Thomas Bayer, Intendant des Lüneburger Theaters, hatte Mitte der Achtziger Jahre für Shake–speares “Sommernachtstraum” plattüütsch snackende Laiendarsteller für die Handwerker-Szene gesucht. Daraus entwickelte sich eine eigene Abteilung. Dramaturg Dr. Kay Carius inszenierte mit ihnen einen zunächst Sketch: „Up dat Standesamt“. Wenig später war die Truppe, die ja zunächst eigentlich nur für ein Projekt gedacht war, reif für die erste abendfüllende Premiere, für „Dat rosa Strumpenband“. Schließlich bekam das Ensemble auf der Gründungsversammlung des Vereins seinen offiziellen Namen.

Die klassischen Dreiakter, die vorzugsweise in einem spießigen, kleinbürgerlichen Wohnzimmer oder einer Bauernstube spielen, stehen auch bei den Sülfmeistern im Mittelpunkt. Aber immer wurde darauf geachtet, dass die Stücke eine zweite, ernste Ebene bekamen. Neben den ausgewachsenen Inszenierungen ziehen die Sülfmeister auch mit Sketchen und Kurzprogrammen übers Land. Seit 2004 wagen sich „De lütten Sülfmeister“ auf die Bühne, sie zeigten kürzlich in der KulturBäckerei eine eigene Robin-Hood-Version.

Zu den Gründungsmitgliedern von damals zählen Beate Meyer und Jürgen Schmidt, sie spielen heute die Hauptrollen: Meta und Willem Cordes betreiben einen Kolonialwarenladen, so etwas gab es noch, wir befinden uns in den muffigen Fünfziger- oder Sechzigerjahren, und die Komödie entwickelt sich nun bei Familie Cordes in der guten Stube. Für deren Ausstattung haben die Schauspieler übrigens im Baumarkt eine prachtvolle Tapete im Gelsenkirchener Barock gefunden.

Nicht ohne den Verein für Sittlichkeit

Also: Töchterchen Lene liebt den Assessor Gerd Bruns, der wiederum hat ihr einen Heiratsantrag gemacht, den Lene gern annehmen würde. Alles könnte in schönster Ordnung sein, aber Mutter Meta ist Vorsitzende des Vereins für Sittlichkeit, also schon von Amts wegen für die Unschuld ihrer Tochter verantwortlich. Vater Willem bevorzugt sowieso einen anderen Heiratskandidaten – nicht zuletzt, weil der junge Assessor in einem Rechtsstreit die falsche Seite vertritt. Dies alles ließe sich wohl noch irgendwie regeln, aber nun kommt der Wippsteert beziehungsweise sein Nachwuchs ins Spiel.

Es beginnt in dem Dorf zu brodeln, weshalb Burkhard Schmeer schwer zu tun hat. Denn es gibt zwölf Darsteller, die im Wohnzimmer der Kolonialwarenhändlerfamilie ein- und ausgehen – das sind im wirklichen Leben übrigens auch Kinder der ersten Sülfmeister-Generation. Geplant sind, wie immer bei den Sülfmeistern, insgesamt 15 Vorstellungen im T.NT.

Von Frank Füllgrabe