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Große Show mit kleinem Personalbestand. (Foto: Tamme)

Musical „The Black Rider“ begeistert in Lüneburg

Lüneburg. Der berühmte deutsche Wald der Romantik ist abgesagt. An seine Stelle tritt eine Cyberpunk-Welt – Mutation und tote Natur, irgendw o zwischen Mad Max und Mordor. Das Wrack eines riesigen, umgestürzten Baumes beherrscht die Bühne, ab und zu senken sich Leuchtröhren in dieses Szenario. Ein Düsterwald mit vielen Schattierungen, fifty shades of black. Hier leben Wesen, denen man auch nicht am Tage begegnen möchte. Das also ist das Bild für „The Black Rider – The Casting of the Magic Bullets“, zu sehen im Lüneburger Theater.

Worum geht es? Im Wesentlichen um den „Freischütz“ aus der Oper von Carl Maria von Weber, die wiederum auf das „Gespensterbuch“ von August Apel und Friedrich Laum zurückgeht, einer Volkssage mit bitterem Ende. Das Musical „The Black Rider“ basiert auf großen Namen: Musik und Texte von Tom Waits, Regie und Stage Design der Originalproduktion von Robert Wilson (am 31. März 1990 im Thalia-Theater in Hamburg uraufgeführt), Buch von William S. Burroughs. Uff!

Ein Pakt mit dem Teufel

Also: Wilhelm, der etwas naive, aber tapfere Schreiberling, tappst in die pervertierte Welt von Stelzfuß, einem Nosferatu-Typ. Schießen muss Wilhelm lernen, um das geliebte Käthchen heiraten zu dürfen. Aber er kann es einfach nicht, also geht er einen Pakt mit dem Dämon ein, der ihm verzauberte Munition liefert, die immer trifft. Nur das Ziel der letzten Kugel bestimmt Stelzfuß selbst. Das kann nicht gutgehen, und es geht natürlich auch nicht gut.

So weit ähnelt das der Vorlage. Aber „Black Rider“ führt weiter, in eine unbestimmte, nicht immer klar definiert Welt, nicht alles ist erklärbar. Es gibt ironische Brechungen. Dazu gehört, dass Wilhelm nicht mit einer klassischen Jagdbüchse hantiert, sondern mit einer Wumme, die aussieht wie eine güldene Kalaschnikow, mit der er einen taumelnden Sechzehnender erlegen soll. Die Texte sind mal deutsch, mal englisch, eine eigenartige Kunstsprache. Sie sind nirgendwo nachzulesen, das hatte Tom Waits zur Bedingung gemacht. Da ist dann auch mal von Marihuana die Rede, dem Teufelszeug, das zum Heroin führt. Es gibt Liebeslieder und Todesvisionen, es dampft und kracht.

Stelzfuß wirkt immer dann besonders gefährlich, wenn er mit seiner wandelbaren, facettenreichen Stimme säuselt statt zu knurren. Dazu gehört auch, dass der vom Käthchen verschmähte Robert von einer Frau gespielt wird, die wiederum einen Mann spielt. Noch so ein Irritationsfaktor in dem an Rätseln nicht armen Musical.

Nervige Pause

Es stimmt alles: knackiger Gruselrock mit eingängigen Hooklines (siehe auch: Rocky Horror Picture Show), live gespielt von den „Böhzen Buben“, Richerts starke Stimme, fantastische Masken und Kostüme, dämonische Lichteffekte, punktgenau agierende Darsteller. Philip Richert und Gregor Müller, das sind auch die großartigen Kontrahenten des Stückes, haben die Originalvorlage mit Empathie auf die Bühne des 21. Jahrhunderts gebracht, man merkt ihnen die Begeisterung für die Black Rider an. Das Ensemble ist nicht groß, aber durchweg klasse, neben Richert und Müller spielen Júlia Cortés (das Käthchen) und Stefanie Schwab (als Robert), dazu bevölkern Nils Bannert, Silvan Hahn und Dominik Semrau das Szenario in vielen Rollen, als Toren, Tiere und Teufel. Da gibt es raffinierte Ideen, verblüffende Momente – und Júlia Cortés krönt die Show mit einer veritablen Akrobatik-Nummer.

Was will man mehr? Nun ja, die Pause nervt, sie reißt aus diesem wunderschönen, dämonischen Zauber des Geschehens heraus, und die reine Spielzeit beträgt ja nur gut anderthalb Stunden. Aber man kann nicht alles haben.

Von Frank Füllgrabe

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