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Vorher lampenfiebrig, auf der Bühne gelockert: Miss Allie beim CD-Release-Konzert in der KulturBäckerei. Foto: phs

An der Schwelle

Lüneburg. Ja, sie ist klein, 1,60 Meter. Ja, sie ist blond und blauäugig. Ja, sie hat Herz, eines baumelt am Mikroständer, viele zieren den rosapinken Pullover. Das ist sie also, die kleine Singer-Songwriterin mit Herz, wie sich Miss Allie nennt. Ein Image verpasst hat sich die Künstlerin oder auf Businessdeutsch eine Corporate Identity. Eine Musikerin braucht außerdem etwas, das ihre Zuhörer, die Fans sein oder werden sollen, mitnehmen können: eine CD. Miss Allie hat eine neue, sie trägt den uneleganten Titel „Mein Herz und die Toilette“. Im ausgebuchten Theatersaal der KulturBäckerei stellte Miss Allie das Album jetzt vor, über den Tresen gingen prompt so einige CDs. Es lief also gut.

Sie bringt viel Temperament mit auf die Bühne

Miss Allie stammt aus Mecklenburg, zog nach Lüneburg, studierte Kulturwissenschaften, lebt für ihre Musik. Miss Allie macht alles selbst, die Texte, die Melodien, das Marketing, das Booking, das Designen von Bühne, Cover, Aufklebern und was noch anfällt. Sie ist konsequent, arbeitet hart und bringt viel Temperament mit auf die Bühne. Miss Allie steht an der Schwelle, sie tritt im „Wohnzimmer“ der Stadtinformation Bergen/Rügen auf, aber auch in Hannovers Kulturzentrum Faust oder auf Stadtfesten. Auf der Schwelle heißt, sie kommt mit ihrer Musik noch nicht über die Runden, will aber das Land erobern.

„Man sagt, ich sei frech und ein bisschen versaut. . . Ich sage, ich bin lieb, aber ehrlich“, so charakterisiert sie sich auf ihrer Homepage. Was stimmt, wobei das „Versaute“ das Überflüssigste an ihrem Programm ist. Aber Publikum springt darauf ja gern an – und singt gern „immer nur ficken“. Der Rest des Liedes ist besser.

Toilette thront auf der Bühne

Per Crowdfunding sammelte Miss Allie Geld für ihr Album, es kam mehr zusammen als anvisiert. Nun thront eine Toilette auf der Bühne, auf der anderen Seite zeigt ein Wegweiser, wo es Süßes gibt. Die Toilette also, dahinein ist ihr Herz geplumpst bzw. hat sie es geworfen. Schuld haben die Kerle, die Liebe. Damit sind die Themen der meisten ihrer Songs umrissen. Aber Miss Allie, die so ausgiebig mit Klischees spielt, bleibt nicht an ihnen kleben. Sie kann den Mädchenton singen, hoch und zart und klar, dann aber röhrt sie und stampft mit den Füßen auf. Das sind starke Kontraste. Die Texte sind direkt, geradeaus, oft frech, sie wirken persönlich, greifen aber generelle Sehnsüchte und Verletzungen auf, die das Lieben nun mal in sich birgt. (Selbst-)Ironie setzt Miss Allie gegen Bitterkeit. Dass sie gut Gitarre spielt, fördert die Zuhörlust.

Nächster Auftritt in Alt Garge

Im Oktober 2017 gewann Miss Allie als Musikerin einen Nachwuchs-Theaterpreis, den „Applausomat“ in Rostock. Das muss daran gelegen haben, dass sie ihre Musik in Moderation und kleine Spielszenen verpackt, gern mit dem Publikum – die Michaels, Pauls, Thomasse und so bekommen es zu spüren. Comedy-Parts spielt sie locker und schlagfertig aus. Die Muster, denen sie folgt, könnten allerdings in einem Handbuch für Comedians stehen. Neu sind sie nicht, Spaß bringen sie dennoch. Manchmal irrlichtern ihre Moderationen ein wenig umher, da wäre es nicht verkehrt, einen Song mal einfach zu spielen, ohne lange Erklärungen vorauszuschicken.

Miss Allie gewann weitere Preise, beim Emergenza-Wettbewerb, beim Deutschen Rock-und-Pop-Preis, beim Ostsee Ressort Festival, sogar bei Plattsounds. Sie nimmt alles wahr, was den Weg ebnet. Der nächste Auftritt in der Region steht am 24. Februar um 19 Uhr in Alt Garge an, im Alten Kurhaus Elbblick.

Von Hans-Martin Koch