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Der Chor der Brandstifter verlacht Biedermann, er ist längst nicht mehr Herr im eigenen Heim. Foto: t&w

Die Brandstifter-Revue

Lüneburg. Kaum ist ein kurzes Inferno-Krachen vorbei, raunt ein Chor: „Hinterm Berg, hinterm Berg, brennt es in der Mühle.“ Das ist ja Mörikes „Feuerreiter“! Ab er es geht hier doch um Max Frisch, um seinen Schullektüreklassiker „Biedermann und die Brandstifter“?! Vieles wird verwundern an diesem Abend, aber nun tritt er ja schon auf, der Mann mit der Verbalmoral, gespielt von Finja Yabari Reineke. Ja, von einer jungen Frau. Es startet im theater im e.novum eine alles andere als biedere Inszenierung. So wie es im großen Theater zurzeit „blackridert“, so „biedermannt“ es nun am Munstermannskamp.

Das Bindeglied heißt Philip Richert. Er ist Co-Regisseur bei „The Black Rider“, er ist Co-Regisseur bei „Biedermann und die Brandstifter“, hier mit Antjé Femfert. Mit Richert hat sie den „Biedermann“ zerlegt, zusammengestrichen, neu montiert, aktualisiert, mit Musik versetzt, auf knapp eine Stunde kondensiert und in Fluss gebracht. Die Geschichte, die Max Frisch erzählt, bleibt erkennbar und kommt brandaktuell daher. Was am Konzept liegt und am Jugendensemble 3.

Das Thema bleibt brandaktuell

Max Frisch hatte seine Geschichte zuerst in seinen Tagebüchern notiert, dann als Hörspiel aufgehübscht, das war in den frühen Fünfzigern eine gute Einnahmequelle für Autoren. Vor 60 Jahren folgte das Theaterstück, und so oft es analysiert und dekliniert ist, stark bleibt es mit seiner Stilisierung, seinem bitteren Humor, seinen pointierten Dialogen.

Biedermann ist der Mensch, der sich die Brandstifter ins Haus holt, hoffend, dass sie ihn verschonen. Das Thema besitzt Brisanz, denn nur über die Angst, die Feigheit und das Wegsehen der Mitläufer können Unrecht, Dogmatismus und Gewalt die Macht an sich reißen. Deutschland, das große Kulturland, hat es mustergültig bewiesen und muss sich bieder getarntem Populismus entgegenstellen, um nicht ein weiteres braunes Wunder zu erleben.

Herr Biedermann spricht stets anders als er handelt. Er hält große Stücke auf Moral – und reicht den Brandstiftern die Zündhölzchen. „Ein Lehrstück ohne Lehre“, nannte Max Frisch seinen „Biedermann“. Femfert/Richert haben eine düster-rockige Revue geschaffen. Es gibt wie bei Max Frisch einen Chor, aber hier übernimmt er die Rollen der Hausierer, die sich bei Biedermanns einnisten und nie einen Hehl draus machen, dass sie Brandstifter sind. Biedermann und Frau ahnen, wissen, was sie sich ins Haus holen, und wollen es doch nicht wahrhaben.

Das Konzept überrascht und geht auf

Es agiert an diesem pausenlosen, seine Mittel offenlegenden Abend ein hoch motiviertes Team. Die Bühne ist wie die Kostüme dunkel gehalten. Das von Johannes Speh konzipierte, von Annabell Balzer gefahrene Licht spielt eine große Rolle. Ebenso die Musik: Eine Band greift ein, und Clara Voss tritt aus dem Chor heraus und singt ganz wunderbar PJ Harveys „To Bring You My Love“. Sie werden auch die Doors anklingen lassen: „Light My Fire“.

Immer wieder spricht der Chor unisono, das haben sie perfekt einstudiert, es läuft absolut synchron, kommt klar rüber. Finja Yabari Reineke bringt als Biedermann dessen Moralgetöse und Opportunismus rüber, Biedermanns Frau Babette übernehmen, sich auf der Bühne ein Kleid überstreifend, Julius Lemcke, Konrad Laukat, Jakob Richter, Frederik Chantelau und Emil Riemenschneider. Sie sind sonst Teil der zwei Chöre, die komplettiert werden von Johanne Hobel, Lina Lang, Alina Stenger, Jasmin Stimmer und Leonie Muschler.

Inszenierungen im theater im e.novum überraschen mit dem Mut zu unkonventionellen Lösungen. Vom Konzept her, aber auch von der Notwendigkeit, den Mitgliedern in der Gruppe lohnende Aufgaben zu geben. Das ist gelungen. Es „biedermannt“ wieder am Sonnabend, 24. März, und weiter bis zum 13. April.

Von Hans-Martin Koch