Donnerstag , 20. September 2018
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Zwei Schlawiner verstehen sich: Anton Stüring (Georg Becker) und Willem Cordes (Jürgen Schmidt) hüten brisantes Aktenmaterial. Foto: Theater
Zwei Schlawiner verstehen sich: Anton Stüring (Georg Becker) und Willem Cordes (Jürgen Schmidt) hüten brisantes Aktenmaterial. Foto: Theater

Sittlichkeit wird überbewertet

Lüneburg. Willem Cordes macht in Gewürze und hat es mit der Marke Cordes-Senf zu einigem Ansehen gebracht. Momentan aber sieht der Herr Unternehmer nicht gut aus. Er zappelt nervös herum und wirkt mit einer Gesichtsfarbe, die auf einen Blutdruck von mindestens hundertfuffzig zu hundert schließen lässt, als hätte er zu tief ins Senfglas geschaut. Was ist denn nur los? Seine Frau, die biedere Meta, Vorstandsmitglied im Verein für Sittlichkeit und Mutterschutz, wird misstrauisch und beginnt zu ermitteln. Davon erzählt der Schwank „Die spanische Fliege“. Die plattdüütsche Fassung „De lüttje Wippsteert“ feierte nun Premiere im Studio des Lüneburger Theaters.

Für die Niederdeutschen Bühne Sülfmeister ein doppelter Erfolg: zweitens, weil das Ensemble sein dreißigjähriges Bestehen feiert, erstens, weil es mal wieder prächtig lief und die Pointen zielgenau im Publikum landeten. Regisseur Burkhard Schmeer, der einzige Profi der Truppe, hatte den „Wippsteert“ ausgewählt, weil er zum Jubiläum dankbare Rollen für fast alle bietet.

Kostüm in den Modefarben Grau und Braun

Außerdem rückt der Schwank in drei Alten zwei Darsteller in den Mittelpunkt, die seit der Gründung der Bühne unendlich viel Erfahrung gesammelt haben: Beate Meyer und Jürgen Schmidt, also Meta und Willem. Sie sehen hinreißend aus, mit diesem spießigen Kostüm in den Modefarben Grau und Braun, beziehungsweise mit Hosenträgern und dieser ausgebeulten Hochwasserbüx. Wie auch das gesamte Ensemble schon rein optisch den ganzen Charme der kargen, muffigen fünfziger Jahre ausstrahlt und bereits jeder Auftritt von den Zuschauern ein wenig gefeiert wird.

Wir befinden uns also in der Nachkriegszeit. Das Original von 1913 wurde behutsam etwas Richtung Gegenwart modifiziert. Aus der Ursprungszeit stammt wohl noch der Verein für Sittlichkeit und Mutterschutz, von dem wir nicht viel erfahren – außer, dass die Männer ihn für lästig halten. Das hat einen konkreten Grund, denn die älteren Herrschaften haben durchweg ein schlechtes Gewissen. Es hängt mit diesem Wippsteert zusammen, einer Tänzerin, die vor 24 Jahren den Ort verließ und seither einen unehelichen Sohn mit anscheinend vielen in Frage kommenden Erzeugern hat.

Jede Menge Missverständnisse

Das ganze schöne Kuddelmuddel ist nach allen Regeln der Branche aufgebaut: im Mittelpunkt ein Wohnzimmer von reinem Gelsenkirchener Barock, zwei Eingänge, in denen unerwartete und meist unerwünschte Besucher im ungünstigsten Moment auftauchen. Es gibt gleich zwei drängende Liebesgeschichten, die jungen Leute können nicht zueinander kommen, weil sie den falschen Familien angehören. Denn neben dieser verflixten Tänzerin hat Willem Cordes auch noch Stress in einem Zivilprozess (es geht natürlich mal wieder um Senf). Und Töchterchen Lene hat sich ausgerechnet in den schicken Gerd verguckt, der als Assessor leider – und auch noch erfolgreich – als Assessor die Gegenseite vertritt. Und dann ist da noch Jungakademiker Heinrich, der wiederum Thilde liebt, die Tochter des Schulmeisters, aber auch im falschen Moment auftaucht und altersmäßig ziemlich genau – na war wohl, sein könnte?

Jede Menge Missverständnisse, Irrtümer, ausgebreitet mit rustikalem Humor, dies alles vor dem durchaus ernsten Hintergrund, dass Mütter von unehelichen Kindern gesellschaftlich geächtet wurden. Die zwölf Darsteller agieren mit Tempo, dazu punktgenau und präzise, wie Rädchen in einem Schweizer Uhrwerk. Das macht einfach Spaß. Der lange und laute Applaus gehörte Beate und Reemt Meyer, Jürgen und Stefan Schmidt, Mareike Allerding, Johannes Möddel, Tanja Scheele, Michael Wieghardt, Georg Becker, Klaus Dieter Bossow, Anna Schoolmann und Regina Stahn. Selbstverständlich gibt es Happy Ends, aber der Blutdruck von Willem bleibt bedenklich.

Von Frank Füllgrabe