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Elisabeth Hübert singt und spielt die Mary Poppins, die immer chic ist, aber auch gern mit Schornsteinfegern tanzt. Foto: stage

So schön kann Kitsch sein

Hamburg. Das nächste Wort können alle auswendig: Supercalifragilisticexpialigetisch. Womit klar ist: Mary Poppins ist wieder da. Sie führt ab sofort im Theater an der Elbe die Familie Banks zurück auf den Pfad der Liebe. Als nach gut zwei und einer halben Stunde die perfekte Nanny ihren Job erfüllt hat und mit ihrem Schirm durch den Saal hoch über den Köpfen entschwebt, hat das Publikum das denkbar zauberhafteste Zuckergusstheater erlebt: bunt, rasant, artistisch, witzig, musikalisch, aufwendig, poetisch, überwältigend. So märchenhaft kann Kitsch sein.

Das Stück ist eine Wohltat für den Musical-Markt, denn der ist schwer geworden. Zu viele Bühnen, zu wenig Stücke, die Magie besitzen und dauerhaft ziehen. Ausnahmen gibt es zwar: Nebenan im Theater im Hafen brüllt der „König der Löwen“ seit 2001, in Bochum rollt der „Starlight Express“ tatsächlich schon seit 30 Jahren. Aber gerade mal auf vier Monate brachte es der recycelte „Tanz der Vampire“ im Theater an der Elbe. Da lässt „Mary Poppins“ nun auf einen längeren Lauf hoffen. Das Musical war noch nicht im Norden zu sehen, 2016 startete es in Stuttgart seine Deutschland-Karriere. Die Produktion bietet alles, was Kinder im Theater begeistert und Erwachsene ebenso.

„Alles, was wir wollen, kann passieren“

Dabei bietet die weltweit berühmte Geschichte von P. L. Travers (1934) samt ihrer Verfilmung (1964) nicht so wahnsinnig viel Dramatik. Vater Banks ist übers Arbeiten knurrig geworden, bemerkt seine Kinder nicht, und seine Frau findet er „weder nützlich noch dekorativ“. Warum sie zu dem Kotzbrocken hält, bleibt rätselhaft. An den Kindern des verbitterten Paars verzweifelt ein täppisches Kindermädchen nach dem anderen – und die Kinder leiden an den Nannys. Bis bekanntermaßen mit Schirm und Charme Mary Poppins einschwebt. Sie macht, was sie will, und alles wird gut. Sogar die berufliche Krise von Papa Banks löst sich zu seinem und der Familie höchsten Wohlgefallen. Nebenbei lehrt Mary Poppins Toleranz und Respekt. Da ist das Märchenmusical ganz aktuell.

Die Produktion, angelegt hundert Jahre zurück, funktioniert über Schauwerte und die liebevolle Überzeichnung der Charaktere. Faszinierend, wie sich das Haus der Banks als Aufklapp-Bilderbuch öffnet, acht Meter breit, sieben Meter hoch. Die 52 Bilder des Musicals und die bonbonbunten Kostüme wirken wie Illustrationen aus Märchen. Das Tempo aber – und die Lautstärke– sind in Richard Eyres Inszenierung sehr gegenwärtig. Es gibt kein Innehalten, die Szenen gleiten ineinander.

Die Schornsteinfeger in Matthew Bournes Choreographie steppen, was die Beine hergeben, Skulpturen im Park erwachen zum Leben wie das Spielzeug der Kinder, ganz in Grau gekleidete Banker geifern um Vater Banks herum.

Zeit bleibt dennoch, Typen zu schärfen. Zwei zeichnen sich besonders aus. David Boyd als Sympathieträger, Straßenmaler und Glücksbringer Bert spielt seinen Part augenzwinkernd – und geht buchstäblich die Wände hoch. „Alles, was wir wollen, kann passieren“, predigt Mary Poppins.

Zwei Kinder spielen sich in die Herzen

Elisabeth Hübert kennt die Partie schon, singt und spielt die immer kerzengerade Nanny schlagfertig, humorvoll und mit einer Prise Strenge. Anders als im Film verlässt Mary Poppins die noch nicht so recht auf ihre Ideen anspringende Familie zeitweilig. Bald darauf aber jagt sie ihre keifende Nachfolgerin aus dem Haus, wendet alles ins Glück und fliegt engelsgleich davon.

Die größten Stars unter vielen heißen bei der Premiere Marjan und Liam, die Kinderdarsteller. Was sie an Text, Spielwitz und Tanz auf die Bühne bringen, ist verblüffend und wird gebührend bejubelt. Um sie herum wirbelt ein perfekt vorbereitetes Ensemble, das am Ende wie die Band um Christoph Bönecker verdienten Jubel kassiert.

Von Hans-Martin Koch

One comment

  1. supercalifragilisticexpialigorisch“, chris hatte recht. schmunzeln.