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Vier von dreiundzwanzig: Conny Stark präsentiert die neuen Porträts. Foto: ff

Das Leben gesichtet

Lüneburg. Sie sind zwischen 19 und 74 Jahre alt, leben im Raum Lüneburg, sind mal mehr, mal weniger in der Öffentlichkeit bekannt, und jetzt schauen sie – auch hier: mal mehr, mal weniger – freundlich dem Betrachter entgegen. Die Hamburger Malerin und Grafikerin Conny Stark hat sie porträtiert, nun sie sind in der KulturBäckerei zu sehen. Die Ausstellung „LüneBürger“ wurde am Freitag eröffnet.

Im März vergangenen Jahres arbeitete Conny Stark im Rote-Hahn-Stift als Gast des Uwe-Lüders-Kunststipendiums. Aus dieser Zeit stammt ihre Suche nach Zeitgenossen, sich sich gern malen lassen. Es gab achtzig Einsendungen, die Künstlerin wählte einfach die ersten aus, 23 Arbeiten sind nun beisammen. Die Malerin pinselte nicht drauflos, „fünf bis sechs Wochen habe ich mir Zeit genommen, die Frauen und Männer kennenzulernen“, so Conny Stark, geredet wurde am Küchentisch bei der einen oder anderen Tasse Kaffee.

Natürlich ging es der Künstlerin darum, hinter die Fassade zu schauen, das wahre Wesen der Person herauszuarbeiten. Conny Stark hörte Geschichten von der Kindheit, von Glück und Trauer, von Scheidungen, die noch ganz frisch, von Kindern, die nun fort sind. Manche sind es gewohnt, sich vorzustellen, anderen war das Interesse der Künstlerin eher ungewohnt.

Gleiches Format für jedes Model

Wer laut und forsch auftrat, entpuppte sich zuweilen als leiser, eher schüchterner Mensch, es wurden regelrechte Lebensläufe geschrieben, und all dies floss nun in die Porträts mit ein. Wo mal biographische Überschneidungen auftauchten, hängen die Bilder nun nebeneinander. Und es gelten durchlaufende Standards: Acryl auf Leinwand, 40 mal 50 Zentimeter, die Gesichter formatfüllend, präsent, immer vollständig, keine Ausschnitte.

Dazu gibt es die Reihe „Gesichter, geschichtet“, da erlaubt sich die Malerin in einem zweiten Arbeitszyklus mehr Freiheit mit ihren LüneBürgern, lässt Oberflächen unvollendet, es ist ein weiterer Anlauf, das Gegenüber zu erkunden. Da bleibt vieles im Skizzenhaften, so wie Conny Stark ohnehin die schnelle Arbeit liebt: „Ich komme ja eigentlich von der Aktmalerei“, und wo Models nicht stundenlang stillhalten, muss eben mit ein paar Strichen das Wesentliche eingefangen werden.

Ähnliches gilt für eine weitere Passion, den Jazz, die Musiker halten auch nicht still, und da hat Conny Stark erstens mit Ölkreide und Graphit, zweitens mit grellen Farben das Wesen der Musik(er) eingefangen. Der Tenorsaxophonist Klaus Doldinger beispielsweise ist mit seinen langen, coolen Melodiebögen auch im Bild wiederzufinden.

Über das Stigma und die Krähe

Wer sich so intensiv mit Individuen beschäftigt, sieht auch in sich selbst hinein. Die Malerin erscheint zerrissen, unruhig, anderswo skeptisch, ein wenig schüchtern. Abgerundet wird die Präsentation mit einer Serie, die nun ganz anders gelagert ist: „Stigma“ zeigt Menschen, die in irgendeiner Form ausgegrenzt, eben stigmantisiert sind – durch lange Arbeitslosigkeit beispielsweise, oder eine Behinderung. Sie erscheinen nun anonym, mit Krähenmasken, die Krähe hat auch so ihren Ruf als Einzelgänger. „Aber als ich einmal eine verletzte Krähe aufheben wollte“, so Conny Stark, „da stürzte sich plötzlich der ganze Schwarm auf mich“. Die Krähe, der Vogel, das Nest, die Malerin wird das weiterverfolgen.

Jetzt aber sind die LüneBürger dran, sie sind im Artrium (also oben) noch Sonntag 13 bis 18 Uhr zu sehen.

Von Frank Füllgrabe