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Die große Kantorei der Michaeliskirche sang ein ökumenisch wertvolles Konzert. Foto: t&w
Die große Kantorei der Michaeliskirche sang ein ökumenisch wertvolles Konzert. Foto: t&w

Zwischen Dresden und Leipzig liegen Welten

Lüneburg. Vielleicht am schönsten wäre es ja, wenn sich das Leben in Formeln gießen ließe, twitterkurz, also präsidiabel. So zum Beispiel: Die katholische Kirch enmusik läuft auf Lateinisch ab, die evangelische auf Deutsch. So klang es ja auch beim Kantatenkonzert in St. Michaelis. Hasse und Zelenka, die Katholiken, waren mit „Miserere“-Vertonungen vertreten, Bach mit den Kantaten „Christus, der ist mein Leben“ und „Mit Fried und Freud ich fahr dahin“. Aber beim Twittern wird schnell zu kurz gedacht.

Denn Bach hat nun mal eine H-Moll-Messe geschrieben und auch sonst das Lateinische genutzt. Er wollte auch „Hofcompositeur“ in Dresden werden, und da hätte er dann für einen katholischen Chef Musik geschrieben. Kirche und Karriere, das ließ sich offenbar zurechtdrechseln. Henning Voss erinnerte eingangs des gut besuchten Konzerts daran, dass in Dresden August der Starke kurzerhand zum Katholizismus wechselte. Warum? Er wollte den Titel des Königs von Polen tragen, das ging nur katholisch.

Dresden war somit der Ort, an dem sich als katholischer Musiker Karriere machen ließ. Der eingangs im Konzert vertretene Johann Adolph Hasse stieg europaweit zum Star auf. Seine Frau Faustina Bordoni mehrte als Sängerin den Glamour-Faktor. Ihr Zickenkrieg mit Konkurrentin Mingotti wurde 2014 bei einem Festivalkonzert in St. Michaelis nachgestellt.

Vergeichsweise knickerig lebte es sich dagegen in Leipzig, wo Johann Sebastian Bach immer wieder um Wertschätzung kämpfen musste. Zwischen den Städten Sachsens lagen also Welten, auch die lassen sich twitterkurz verallgemeinern: „In Chemnitz wird das Geld erarbeitet, in Leipzig wird es vermehrt, und in Dresden wird es ausgegeben.“ Was bleibt?

Das Konzert zeigte es: Hasses Stern ist verglüht. Bach überstrahlt alle und alles, Zelenka sollte aus dem Schatten geholt werden. Sein abschließend aufgeführtes Miserere ist ein wunderbares, volles, erfüllendes Stück Musik, reich in der Erfindung und originell. Spürbar hatte die verlässlich qualitätvolle Kantorei vor allem an dem Auftakt ihr Vergnügen. Zum Ende kehrt der Part plötzlich mit aller Wucht wieder. Dazwischen steht eine sich dahinschlängelnde, komplett ins Vokale übertragene Orgelfuge aus der Feder Frescobaldis. Und eine Sopranarie kommt hinzu, vorgetragen von der wie immer Prägnanz und Emotion ausstrahlenden Veronika Winter, die über den Abend viel zu singen hat. Ach, es hätte noch mehr sein dürfen. . .

Nirgendwo konnten Komponisten so viel experimentieren wie bei den Kantaten. Sie waren zwar einerseits Gebrauchsmusik für den nächsten Sonntag, ließen aber Spielraum. Johann Sebastian Bach verarbeitet in „Christus, der ist mein Leben“ gleich vier Choräle und hält ein weiteres Schmankerl bereit. In der Tenor-Arie „Ach, schlage doch bald, sel‘ge Stunde“ zupfen die Streicher vom Hannoverschen Barockorchester L‘Arco das Ticken der ablaufenden Lebensuhr oder Glockenschläge, das kann jeder hören, wie es passt. Georg Poplutz formt mit laufenden Forte-Piano-Wechseln ähnliche Wirkungen, was ihm gut gelingt – das angenehm fließende Oboenduett dazu strömt Frieden aus.

Auch die Kantate „Mit Fried und Freud ich fahr dahin“ birgt eine Überraschung. Zuerst fällt eine eigentlich ins Längliche gehende Alt-Arie auf, die dank Anne Bierwirth aber nie überzogen, sondern warm und seelenvoll klingt. Dann aber platzt in diese Sterbenskantate ein verblüffend munteres Duett, das Georg Poplutz und Bass Konstantin Heinel mit Leben füllen. Beide gehören zu den Garanten dieses ungewöhnlichen und darum doppelt interessanten Abends.

Ach ja, Hasse! Der ist heute vergessen, und sein Miserere am Beginn des Konzerts bleibt bei allem Wechsel an Aufgaben und allem Trost spendenden Klang denn doch nicht hängen. Qualität ist eben nicht gleich Qualität – um es mal twitterig zu schreiben.

Von Hans-Martin Koch

Karfreitag in St. Johannis

Matthäuspassion

Eines der bedeutendsten Werke zur Passionszeit erklingt am Karfreitag, 30. März, um 19 Uhr in der Lüneburger Johanniskirche. Johann Sebastian Bachs Matthäuspassion wird von der Johanniskantorei und den Nachwuchs-Chören der Kirche unter Leitung von Joachim Vogelsänger aufgeführt, begleitet von Concerto Brandenburg. Solisten sind Bettina Pahn (Sopran), Britta Schwarz (Alt), Andreas Post (Tenor) sowie Felix Rathgeber und Matthias Vie­weg (Bass).