Donnerstag , 20. September 2018
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Wuchtiger Wälzer: Renate Adolphi studiert eine Porträtgalerie der „Fraternitas Baltica“. Foto: ff

Weiterhin handschriftlich

Lüneburg. Rund fünf Kilo wiegt das Buch der „Fraternitas Baltica“, die Porträtgalerie einer Studentenverbindung. Es ist nicht ganz einfach für Renate Adolphi, d as in roten Samt eingebundene Werk aus dem Regal zu wuchten. Leichter fällt ihr das mit dem Karton „Schleier und verrotteter Brautstrauß“. An den niedrigen Wänden mit den dicken schwarzen Eichenbalken hängen Fotos von Kirchen und Würdenträgern, Aquarelle, Wappen, überall reihen und stapeln sich Kisten und Bücher, eine Vitrine zeigt Tafelsilber, und mittendrin steht ein Schreibtisch, an dem offensichtlich auch gearbeitet wird.

Das ist das Archiv der Deutschbaltischen Kulturstiftung im Brömsehaus, das Reich von Renate Adolphi. Es wäre übertrieben zu sagen, dass die Archivarin selbst zu den ältesten Exponaten gehört, aber sie feiert immerhin demnächst ihren 95. Geburtstag. Seit 1988 sammelt und ordnet die Lüneburgerin die Bestände, das wäre dann zusätzlich ein dreißigjähriges Dienstjubiläum. Und drei Jahre alt ist das Bundesverdienstkreuz, das sie für ihre Arbeit erhielt.

Geboren am 11. März 1923 in Riga, kam Renate Adolphi 1945 nach Lüneburg, lernte zunächst Weberin und studierte dann Lehramt, arbeitete als Grund- und Hauptschullehrerin in Fallingbostel und baute dann das Archiv der Carl-Schirren-Gesellschaft mit auf. So etwas muss System haben, zu Hilfe kam Dr. Peter Wörster, selbst Leiter der Dokumentensammlung des Herder-Instituts Marburg.

Schmandkanne auf hohen Füßen

Natürlich gibt es im Brömsehaus zeitgemäße Computertechnologie, aber Renate Adolphi notiert alle Eingänge mit akurater Handschrift in ihr – mittlerweile drittes – Inventarisierungs-Buch, die „Schmandkanne auf hohen Füßen mit Spiritustopf“ beispielsweise, die 1988 zu ihren ersten Einträgen gehörte. Offensichtlich wurde damit damals Sahne erhitzt. Außerdem fotografiert sie die „dinglichen Bestände“ für Karteikärtchen. Sie werden jetzt digitalisiert, aber das dauert eben.

Bis dahin ist es wohl am einfachsten, Renate Adolphi zu fragen, sie sitzt auch weiterhin meistens am Schreibtisch. Zwei vollgestopfte Räume bilden den Kern, dazu kommen, seit das Nordost-Institut umgezogen ist, drei weitere – „aber die sind auch schon voll“, sagt die Archivarin. Weitere Exponate sind über das Haus verteilt, und manches steht auch im Ostpreußischen Landesmuseum, wo gerade eine eigenständige Deutschbaltische Abteilung entsteht. Dazu gehört eine gewundene Bronzesäule, die einst zum Chorgitter der Petri-Kirche von Riga gehörte, im 19. Jahrhundert dann ausgebaut und verkauft wurde. Über ein rheinisches Antiquariat erfuhr Renate Adolphi davon und holte das gute Stück nach Lüneburg. Dreißig solcher Säulen gab es in der Petri-Kirche, „aber die anderen wurden wohl eingeschmolzen“, vermutet Adolphi. In Kriegszeiten war Metall kostbares Material für Kanonen, unzählige Orgelpfeifen wurden dafür geopfert.

Bier trinken aus dem Pulverturm von Riga

Studierende fragen im Brömse-Archiv nach Urkunden und Dokumenten, Wissenschaftler forschen in den unzähligen Fotosammlungen nach Illustrationen für ihre Publikationen. „Die meisten Exponate stammen von baltischen Familien, die 1939 umsiedelten und ihr Eigentum noch mitnehmen konnten“, sagt Renate Adolphi. Dazu kommen aktuell immer wieder Schenkungen der Nachkommen, Geschirr mit baltischen Motiven beispielsweise, Gemälde oder auch mal ein Brautkleid. Zu den skurrilen Exponaten zählt ein Bierhumpen in der Gestalt des Pulverturms von Riga, ein Teil der alten Stadtmauer. Auch hier führt die Spur zurück zu einer Studentenverbindung, in diesem Turm logierte standesgemäß die Corporation Rubonia von 1875.

Von Frank Füllgrabe