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Fabian Seyds oktopussige Stuhlbein-Skulptur steht vor surralen Porträts, die ebenfalls Seydl malte. Der alte Backofen wirkt selbst wie eine Black Box und ist doch nur noch Fassade. Foto: oc

Frisch aus den Ateliers

Lüneburg. Die Black Box ist ja nicht einfach ein schwarzer Kasten. Sie ist als geschlossenes System zu sehen, und sie taucht vielerorts auf. Etwa in der Systemt heorie, in der Psychologie und bei Flugzeugabstürzen, denn so ein schwarzer Kasten hält den härtesten Aufprall aus und bunkert in seinem komplexen Inneren wertvolle Daten. Enno Wallis nimmt den Begriff als Überschrift für eine Ausstellung, die ab Sonntag, 11. März, in der KulturBäckerei zeigt, was in der gegenwärtigen Malerei und drumherum geschieht.

Wallis ist Kurator, in Ateliers und Galerien unterwegs. Er spürt Strömungen, Ideen und Besonderheiten auf. Was er nun an Klasse aus der Masse der Kunst gefiltert hat, ist zweifellos subjektiv, und nicht jede Position, wie es gern genannt wird, dürfte mehrheitsfähig sein. Zum Beispiel Jürgen Krause, der von sich sagt: „Ich ziehe freihändig Linien, längs und quer, möglichst wie beim Karopapier.“ Oder er grundiert einen Bildträger beidseitig, über Monate immer und immer wieder, bis das Bild zum Objekt geworden ist, oben glatt, an den Seiten narbig. Das sieht nun so gar nicht spektakulär aus, aber es ließe sich über Wiederholung, Reihung und Abweichung sinnieren und über die Zeit, in der das, was geschieht, auch schon geschehen ist. „Von der Entleerung der Bedeutung“, sprach der Kunsthistoriker Jean-Christoph Ammann.

Das Unscheinbare steht in der Ausstellung neben dem Hingucker. Zu letzterem zählt Stefan Draschan, der tatsächlich ein Hingucker ist. Draschan fotografiert in seiner Serie „People Matching Artworks“ Museumsbesucher, die sich in besonderer Weise mit einem Kunstwerk auseinandersetzen. Der Wiener hat Sinn für das Originelle im Alltag, es gibt auch eine Serie „People Sleeping in Museums“. Draschans Bilderwelt findet zurzeit enorme Aufmerksamkeit.

Das Thema „Black Box“ hat Enno Wallis den beteiligten Künstlern mit auf den Weg gegeben. Einige haben Passendes mitgebracht, etwa Jennifer Oellerich. In ihre geöffnete „Black Box“ hat sie eine Fläche platziert, die zuvor frisch mit Bitumen bestrichen im Freien lag, sodass der Regen als „pencil of nature“ darauf ein Zufallsmuster malte. Das Ergebnis erinnert an durchkraterte Mondlandschaften.

Viele der fast 40 beteiligten Künstler kommt aus Berlin

Sammelausstellungen sind Wundertüten. Jede/r bleibt an anderem Ort hängen, wird das eine als bedeutend, das andere als banal bewerten. Bei der ornamentalen, überbordenden Malerei der Londonerin G.L. Brierley? Beim grellen „Rockolymp“ von Moritz Schleime? Bei Corinne von Lebusas Frauenbildern in gewölbten Rahmen oder Fabian Seyds schwarz gestrichenes krakenartiges Objekt aus Stuhlbeinen? Dass viele der fast 40 beteiligten Künstler aus Berlin kommen, zeigt die Bedeutung der Stadt für die zeitgenössische Kunst. Vertreten sind auch zwei nicht mehr lebende, aber ihre Zeit mitprägende Künstler: Hans Bellmer (1902-1975) und Martin Kippenberger (1953-1997).

Die Region Lüneburg ist ebenfalls vertreten, durch Justine Otto und Werner Steinbrecher (1946-2008). Die „Black Box“ wird am Sonntag um 16 Uhr eröffnet und schließt am 1. April.

Von Hans-Martin Koch

Künstlerliste

Sie sind dabei

Die Liste der „Blackboxer“, von A bis W: Li Alin, Hans Bellmer, G.L. Brierley, Joanna Buchowska, Eric Decastro, Stefan Draschan, Thomas Draschan, Sven Drühl, Isabelle Dutoit, Jürgen Graff, Simone Haack, Konstanze Habermann, Katrin Heichel, Lisa Junghanss, Heike Kelter, Martin Kippenberger, Jürgen Krause, Corinne von Lebusa, Catherine Lorent, Wolfgang Ludwig, Martin Naber, Rainer Neumeier, Jennifer Oellerich, Justine Otto, Manfred Peckl, Anton Quiring, Sven Reile, Römer + Römer, Moritz Schleime, Eva Schwab, Marcus Sendlinger, Fabian Seyd, Christian Stock, Miroslav Tarcenko, Erik Tidemann, Daniela Wesenberg.