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Die Pension Monkswell Manor ist eingeschneit, auch drinnen wird es ungemütlich. Foto: t&w

Der Killer im Kaminzimmer

Lüneburg. Die Eröffnung ihrer Pension Monkswell Manor hatten sich Mollie und Giles Ralston anders vorgestellt: Es ist bitterkalt, eisiger Wintersturm versperrt die Wege, die Heizung des alten Hauses blubbert mit letzter Kraft, die Kohle wird knapp. Und dann diese Gäste, die jetzt nacheinander hereinschneien – überkandidelt, mäkelig, anstrengend, undurchschaubar. Nun könnte es immer noch einigermaßen behaglich werden in Monkswell Manor. Aber dann passiert das, was in einem Stück von Agatha Christie unerlässlich ist: ein Mord. Klar ist auch: Eine(r) von den Gästen muss der Täter sein.

Das also ist der klassische Plot des vielleicht berühmtesten, mit Sicherheit erfolgreichsten Theaterkrimis der Welt: „Die Mausefalle“ (The Mousetrap) wird seit 1952 täglich im Londoner West End aufgeführt. Das Stück, ursprünglich als Radio-Hörspiel zum 80. Geburtstag von Königinmutter Mary geschrieben und gesendet, ist jedenfalls eine Legende. Und die wirkt auch in Lüneburg: Die Aufführungen des Amateurtheaters Rampenlicht in der KulturBäckerei, das nun seinerseits seinen 20. Gebrtstag feiert, waren drei Wochen vor der Premiere ausverkauft. Vielleicht liegt es auch daran, dass die Rampenlichter eine eingeschworene Kundschaft haben.

Miss Marple und der Brexit

Christian Baumgarten führte Regie, er hat die Geschichte selbst natürlich nicht geändert, sie nur ein wenig der Gegenwart angepasst. Die Akteure fuchteln mit Smartphones herum, es gibt Anspielungen auf den Brexit, aus dem Radio erklingt die Miss-Marple-Filmmusik. Außerdem wurden, der Zusammensetzung des Ensembles folgend, zwei Männerrollen mit Frauen besetzt: Sergeant Trotter ist also eine Polizistin, und Christopher Wren heißt nun Chris.

Schon allein diese Chris: eine quietschbunte Nervensäge. Sie behauptet, Architektin zu sein und wird sich „bestimmt in Monkswell Manor verlieben“. Die wichtige Mrs. Boyle ist ganz anderer Ansicht, sie meckert an allem und allen herum, es ist ihr zu kalt, zu staubig, und überhaupt. Die rätselhafte Miss Casewell, angeblich Schriftstellerin, ist schlecht mit den Nerven zu Fuß und will sich nur kurz in England aufhalten. Der hüftsteife Major Metcalf immerhin, als Soldat ganz oldschool, scheint seine Sinne beisammen zu haben. Das kann man von Mr. Paravicini nicht behaupten, der gepuderte und grell geschminkte Italiener (wenn er denn Italiener ist) liebt die großen Gesten und faselt von der Kunst. Das arme, unerfahrene Wirts-Ehepaar, erst seit einem Jahr verheiratet, hat alle Hände voll zu tun, um dieses Panoptikum bei Laune zu halten.

Die Inszenierung betont – vor allem in der ersten Hälfte – die Skurrilität der Akteure, die Charaktere sind deutlich überzeichnet, es gibt Spaß, sogar einige slapstickhafte Elemente. In der zweiten Hälfte wandelt sich die Mausefalle mehr zum typischen Whodunit (phonetisch für „Wer hat`s getan?): eine abgeschlossene, klaustrophobisch enge Welt, in diesem Fall das Kaminzimmer, eine überschaubare Gruppe, kein doppelter Boden, der Zuschauer weiß nicht mehr über die Protagonisten, als diese von sich preisgeben. Nach und nach wird das Netz sichtbar, in dem sie verwickelt sind, nicht jeder Gast ist zufällig in Monkswell Manor.

Winston Churchill wusste die Lösung

Es spielen: Susanne Ganter, Matthias Stelling, Caren Hodel, Elke Koch, Peter Brako, Cornelia Möller, Angela Baumart, Felix Schulz und Jürgen Baumgarten. Bereits ihre Auftritte wurden vom Publikum gewürdigt, am Ende gab es langen Applaus.

Winston Churchill soll in der Pause den Schluss vorausgesagt haben. Nach jeder Vorstellung wird das Londoner Publikum aufgefordert, die Auflösung nicht zu verraten. Daran hat sich bis heute sogar die Presse gehalten, und daran soll sich hier und heute auch nichts ändern.

Von Frank Füllgrabe