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Maria Bengtsson (Sopran) liegt am Boden, für ihre Verzweiflung erntet sie eher Hass als Mitgefühl. Foto: Brinkhoff/Moegenburg
Maria Bengtsson (Sopran) liegt am Boden, für ihre Verzweiflung erntet sie eher Hass als Mitgefühl. Foto: Brinkhoff/Moegenburg

Nicht jede Musik braucht Bilder

Hamburg. Bühnenhoch strecken sich Regalwände. Sie erinnern an Bienenwaben und an Grab­ni­schen auf Friedhöfen in Spanien und Italien, in denen die Toten gestapelt werden. Doch sind die Fächer leer. Durch ihre Öffnungen quellen nun Menschen hervor, die Solisten, der Chor, Kinder, während Verdis Messa da Requiem in der Staatsoper beginnt. Ganz sanft, anschwellend und bald alles mit sich reißend. Bilder vom Sterben und von Trauer, Verzweiflung und Flehen, von der Unschuld der Kinder und von der Ausweglosigkeit fügt Calixto Bieito „Verdis bester Oper“ hinzu. Das muss nicht sein, aber passt doch.

Verdi fuhr für seine Totenmesse alles an Emotion und Erschütterung auf, was ihm zur Verfügung stand. Er nutzt Kontrapunkt und Fugenbau der alten Meister, schwelgt in Harmonien, türmt im „Dies irae“ alles vernichtende Klanggewalten auf, baut Effekte wie Ferntrompeten ein, stellt zärtlichste Soli gegen härtestes Blechgewitter. Verlangt dieses Werk, das früh den Weg aus der Kirche ins Theater nahm, aber nach Bildern, nach szenischen Ideen? Nein. Es ergreift als Musik, es braucht keine Zutat.

Sakrale Werke, und dazu zählt Verdis Requiem denn doch, haben ihren Ort in der Kirche und entfalten dort ihre Wirkung am besten. Auch ein getanztes Weihnachtsoratorium, wie es John Neumeier in die Staatsoper trug, droht zum kulinarischen Allerlei zu werden – Kunst hin, Kunst her.

Es beginnt in der Stille und führt dorthin zurück

Bieito und der so sensibel wie zupackende Dirigent Kevin John Edusi haben immerhin einen klugen Weg für Verdis Kirchenoper gefunden. Er beginnt in der Stille und führt wieder dorthin. Bieito, der mit dem Image als Skandal-Regisseur durch die Opernhäuser reist, hat sich in dieser Produktion stark zurückgenommen, geradezu respektvoll in den Dienst der Musik gestellt. Er sorgt für symbolische Bilder. Mal grenzen sie an Kitsch, mal laufen sie ins Leere, aber in der Gesamtheit unterstreichen sie die ungebremste Emotionalität der Musik.

Die Solisten, den Chor und Statisten lässt Bieito oft wie in Trance auftreten. Das häufige Drehen und Verschieben der beweglichen Wände in Susanne Gschwenders Bühnenbild stört da schon. Die Sänger tragen Kleidung von heute, man muss sich für das Sterben und das Trauern nicht fein machen. Ins Zentrum der Aufführung rückt Sopranistin Maria Bengtsson. Am Beginn und am Ende schaut sie lange verloren in den Saal. Sie wird Ball mit ihrem Kind spielen, aber dabei wie weggetreten wirken. Sie wird wie im Wahn zucken, sich beim „Dies irae“ am Boden winden, während sich der Chor geifernd und aggressiv um sie schart. Zum Ende hin singt Bengtsson mit schlanker, von innerer Dramatik gezeichneter Stimme das „Libera me“ als denkbar innigste Bitte um Erlösung, einer der schönsten Momente. Was wäre das für ein starker Schluss! Aber Verdi packt ja noch was drauf.

Anhaltender Beifall mit obligaten Buhs

Große Dramatik legt Nadeshda Karyazina in ihren mächtigen Mezzo, fast überreißt sie das. Schlüssiger in der dramatischen Entwicklung legt Gábor Betz seine Bass-Partie an. Dmytro Popov als nicht immer lockerer Tenor passt sich gut hinein in diese vor allem über die Musik gewinnende Aufführung. Sie eröffnet zugleich italienische Opernwochen in Hamburg und findet am Ende anhaltenden Beifall mit obligaten Buhs.

Von Hans-Martin Koch