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Zwei, die Grenzen des Denkens überwinden: Fabian Kloiber als selbstbewusster Naturforscher Alexander von Humboldt und Jan-Philip Walter Heinzel als grübelnder, das Lärmen der Welt meidender Mathematiker Carl Friedrich Gauß. Foto: Theater/Tamme
Zwei, die Grenzen des Denkens überwinden: Fabian Kloiber als selbstbewusster Naturforscher Alexander von Humboldt und Jan-Philip Walter Heinzel als grübelnder, das Lärmen der Welt meidender Mathematiker Carl Friedrich Gauß. Foto: Theater/Tamme

Irrtum und Klarheit

Lüneburg. Sie haben die Welt erschlossen. Der eine bereiste, der andere berechnete sie. Alexander von Humboldt wollte per Expedition die ganze Welt ergründen, C arl Friedrich Gauß durchbrach denkend die Decke seiner Studierstube – hinauf zu den Sternen. Ihr Leben, Denken, Forschen hat Daniel Kehlmann 2005 in einen klugen, mit leichtem Humor durchzogenen, fiktiven Roman gebündelt. „Die Vermessung der Welt“ wurde mit mäßigem Erfolg verfilmt. Der Roman ist stärker. Aber das Buch siegt ja so gut wie immer gegen seine Verarbeitung. Jetzt hat Martin Pfaff die „Vermessung“ für die Bühne des Theaters Lüneburg zurechtgeschneidert, mit einem stringenten, gleichwohl streitwerten Konzept.

Alles soll klar sein. Ein breites blaues Band zieht sich über Himmel und Erde der Bühne, die Anja Kreher eingerichtet hat. Mit Licht, fließenden Übergängen werden die Lebensgeschichten der Genies erzählt. Die Klammer bildet das Jahr 1828, als sich die Gelehrten in Berlin treffen. Auf der einen Seite der weltläufige Humboldt: Fabian Kloiber spielt ihn als wirkungsbewussten, umtriebigen und extrovertierten Mann, ein Star der guten Gesellschaft. Auf der anderen Seite Gauß, gebückter, auf Kleidung nicht achtend und so, wie Jan-Philip Walter Heinzel ihn verkörpert, ein in sich gekehrter Grübler mit Hang zum Griesgram. Kloiber/Heinzel sind ein gutes Gegensatzpaar.

Die Fülle der Gags drückt auf den Gehalt

Von hier blendet die Geschichte zurück, immer im Wechsel der Humboldt- bzw. Gauß-Episoden. Britta Focht und Beate Weidenhammer nehmen dabei die Position teilnehmender Beobachter und Erzähler ein. Eröffnend tritt Tülin Pektas in einer ihren vielen Rollen als Welt-Dreherin auf, ein Globus leuchtet, dazu raunt kosmischer Sound.

Die Bilder, die Martin Pfaff in konsequent durchgehaltener Ästhetik schafft, sind mit wenigen Zeichen bewusst überdeutlich gestaltet. Kloiber bzw. Humboldt trägt immer eine übergroße Lupe mit, und als Gauß von Johanna (Tülin Pektas) der eiternde Zahn herausgerupft wird, greift sie zu einer furchterregend großen Zange.

Die Inszenierung bekommt visuell einen Bilderbuchanstrich, sie erinnert an Abenteuer-Comics und noch mehr an die Drastik eines Wilhelm Busch. Die Reduktion auf Signalhaftes ist gut, aber führt in ihrer karikierten Form zugleich auf einen Irrweg. Denn diese „Vermessung“ bietet unterm Strich mehr Gag als Gehalt, auch wenn der nicht ausgespart wird. Die Lust am Skurrilen und am Spaß lässt den Hauptdarstellern recht wenig Raum, Tiefe und so etwas innere Tragik in ihre Figuren zu tragen. Deutlich wird immerhin, wie sehr sie für ihre Neugier leben, wie unbeholfen sie allem Menschlichen gegenüberstehen. Auch Humboldts mitreisender Botaniker Bonpland (Yves Dudziak) bleibt konturenarm.

Lernen, wie Zahnschmerz klingt

So kommt es, dass beim Betrachten der einen Szene mitunter der Wechsel in die nächste herbeierwartet wird. Die Übergänge entfalten dabei mitunter poetische Kraft. Der Schnee, der sanft in die Gauß-Welt rieselt, verwandelt sich in einen Schneesturm, gegen den sich Humboldt/Bonpland stemmen, als sie versuchen, den Chimborazo zu erklimmen.

Dass subtiler Humor der passendere ist, zeigen einige Szenen mit Figuren, die Matthias Herrmann genüsslich ausspielt, etwa die des Fotopioniers Daguerre, für den der herrlich knurrige Gauß nicht stillstehen will. Oder die des völlig der Welt enthobenen, ins Senile entschwebenden Philosophen Kant. Ins Untergründige führt auch die wunderbar geheimnisvolle Musik, die Stefan Pinkernell unter viele Szenen legt. Sie ist auch im Witz stark, denn nach diesem Abend ist ultimativ geklärt, wie Zahnschmerz klingt. Anderes befremdet: Das Sternlein-Liedlein, das Britta Focht und Beate Weidenhammer zu singen haben, verträllert sich.

So geht es hin und her an diesem Abend. Theater ist wie alle Wissenschaft eine Kunst aus Konzipieren und Probieren, aus Irren und Finden. Eines aber ist eindeutig. Der immer für überraschende, zur Diskussion reizende Inszenierungen gute Martin Pfaff („Schimmelreiter“ 2013) bringt eine klare Botschaft rüber: Öffnet Euch für die Welt, schließt sie nicht aus!

Das Publikum stimmt dem Abend zu, aber ohne anhaltende Begeisterung.

Von Hans-Martin Koch