Aktuell
Home | Kultur Lokal | Vom Hören und vom Fühlen
Altistin Britta Schwarz bei einer ihrer Arien, beobachtet von einem der beiden Chöre der Kantorei, die links und rechts vom Dirigenten platziert wurden. Foto: phs

Vom Hören und vom Fühlen

Lüneburg. Geht es um die größten Musikwerke der Menschheitsgeschichte, dann mischt die Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach ganz weit vorn mit. Sie führt den Menschen zu einer Reise ans Ende, indem sie das grausame Sterben Jesu Christi erzählt, mit aller Dramatik, aller Klage und aller denn doch tröstlichen Botschaft. Kein anderes Werk, vielleicht noch Bachs Johannespassion, geht dem Karfreitagsgeschehen so auf den Grund und zieht jeden, der hören und fühlen kann, in Bann und Nachdenklichkeit – sei er gläubig oder nicht. In der voll besetzten Johanniskirche wurden die Ausführenden jetzt in Wort und Klang dem Ernst und der Fülle der Musik gerecht.

Dirigent Joachim Vogelsänger machte die Doppelchörigkeit der Matthäuspassion sichtbar, platzierte die Chöre so, dass sie sich gegenüberstanden. In der Mitte saßen die Musiker von Concerto Brandenburg, dahinter stand zum Auftakt – Choral singend – die Knaben-/Mädchenkantorei. Der Nachteil: Die Chöre standen weitgehend hinter den Säulen, verschwanden für viele der Zuhörer aus dem Blick. Für den Klang war es die richtige Wahl, die wechselnden Aufgaben der Chöre, auch die des ebenfalls geteilten Orchesters, waren geradezu plastisch nachvollziehbar.

Bach sprengte die Vorgaben seiner Dienstherren

Vogelsänger betonte die innewohnende Dramatik der Passion. Das hatte der Komponist ja auch getan. Laut Leipziger Obrigkeit sollte Bach seine Musik „dergestalt einrichten, daß sie nicht zu lange währen, auch also beschaffen seyn möge, damit sie nicht opernhafftig herauskommen, sondern die Zuhörer vielmehr zur Andacht aufmuntere.“ Nicht zu lange währen? Satte drei Stunden braucht das Werk, zu Bachs Zeit kam noch eine umfängliche Predigt hinzu. Saßen die Zuhörer damals, also um 1730 herum, stille?

Nicht nur den zeitlichen Rahmen brach Bach auf, er nutzte dazu viele Mittel, von denen die Oper so weit weg nicht ist. Die Rezitative besitzen Dramatik, die Arien sind reich in Sachen Affekt und Effekt, messerscharf geschliffene Volks-Chöre lassen blinde Massenwut explodieren. Ruhepole setzen dagegen betrachtende Choräle. Ihnen geben die natürlich punktgenau vorbereitete Kantorei und ihr Leiter glaubensbestärkenden Gehalt – und andächtige Sanftheit („Wenn ich einmal soll scheiden“).

Ein Dauerthema: Lässt sich bei den heute im Gegensatz zur Bach-Zeit umfangreichen Chören eine Wort-Klang-Balance zu den leisen Instrumenten eines Barockorchesters herstellen? Das gelang dem umsichtigen, motivierenden Joachim Vogelsänger gut. Herausragend bei den Musikern waren die Soli, etwa die Violine zur Alt-Arie „Erbarme dich“ oder die Flöte, deren Läufe den Sopran bei „Aus Liebe will mein Heiland sterben“ umfließen.

Alles aber steht und fällt mit der Qualität des Evangelisten. Er führt durch das Werk – als Erzähler, Moderator, Kommentator. Andreas Post forderte schon mit kerzengerader Haltung Aufmerksamkeit ein, sang bestechend klar und zugleich bewegend. Post verstärkte mit feinen Nuancen die Aussagen, das konnte zum Beispiel ein minimal gedehnter Vokal sein. Post kennt seinen Part in- und auswendig, besser geht es nicht.

Schmerz und Trauer, Verzweiflung und Vertrauen

Beglückend sangen die Solisten durchweg, und ihre Stimmen passten ideal zusammen. Julia Henning (Sopran) sprang für eine erkrankte Kollegin ein und trug nicht nur, aber besonders „Aus Liebe“ mit tiefer Emotionalität vor. Über eine ähnlich warm(herzig) timbrierte Stimme verfügt Britta Schwarz (Alt). Die passende Nachdrücklichkeit für die Jesusworte brachte Felix Rathgeber ein, und als so vielseitiger wie überzeugender Gestalter bereicherte Matthias Vieweg diesen Abend, der Schmerz und Trauer, Verzweiflung und Vertrauen vermittelte – auf eine seelenwärmende Art, wie es nur Bach konnte und kann.

Von Hans-Martin Koch