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Simon und Jan begeistern mit ihren Liedern das Publikum im Kulturforum. Foto: be

Schmusig und schön gemein

Lüneburg. Die Gitarren perlen, plätschern, plappern dahin. Alles ganz schmusig. So entspannt. Kerzen-und-ein-Glas-Rotwein-Stimmung. Doch dann singen Simon und J an „Er sucht nicht nur eine Frau für eine Nacht, eher eine, die danach die Betten und das Frühstück macht“. Vorbei ist es mit dem Kuscheln. „Eierleckende Wollmilchsau“ heißt das Stück. Sie sind hinterhältig und gemein, und sie sind richtig gut, die beiden Jungs aus Oldenburg. Im Kulturforum belohnte das Publikum die Liedermacher mit viel Applaus und Gelächter.

2006 haben sich Simon Eickhoff und Jan Traphan zusammengetan. Bei wikipedia heißt es über das Duo: „Sie kombinieren sanfte, melodiöse Kompositionen, gespielt auf zwei Akustik-Gitarren mit oft zynischen Texten.“ Das trifft es auf den Punkt.

Sie singen gegen das Elend der Wel

Die beiden singen gegen das Elend der Welt, dazu gehören, klar, die neuen Nazis. Die Liedermacher finden das Künstlerkollektiv „Zentrum für Politische Schönheit“ klasse und rufen zur dessen Unterstützung auf. Die Berliner haben vis-à-vis dem Grundstück des thüringischen AfD-Rechtsaußens Björn – oder heißt er Bernd? – Höcke ein Mahnmal errichtet, um ihn mit seiner Aussage zum Holocaust-Mahnmal zu konfrontieren. Höcke empfindet die Installation, die in der Hauptstadt an den millionenfachen Mord der Nationalsozialisten an den Juden erinnert, als „Denkmal der Schande“. Im Lied heißt es, ein Nazi schaue aus seinem „kleinen braunen Fenster“ auf die Welt. Jan, der wortstarke Part des Duos, freut sich diebisch, dass es Höcke nicht gelingt, den künstlerischen Protest vor seinem Haus beseitigen zu lassen.

Auch das Publikum muss einstecken

Hier wird‘s sparsam mit der Ironie. Betroffenheit ist bestimmend. Besser sind die gemeinen Nadelstiche. Sie pieksen in alle Richtungen. „Im Himmel oben warten keine 72 Jungfrauen, und wenn doch, dann woll‘n sie es vermutlich bleiben“, und ein paar Strophen weiter mit gequältem Blick auf die Zuschauer: „Wenn du onanierst, dann stirbt ein Kätzchen, ich hab die Leichen nie gezählt. Ich weiß nicht, wer von euch ein kleines Kätzchen hat, ich hoff‘, dass keinem eins fehlt“. Tröstend, das es unter „Alles nur gelogen“ läuft.

Auch das Publikum muss einstecken. Als sich einer so witzig wie die beiden auf der Bühne fühlt und anders als abgemacht, an der falschen Stelle Hallelujah brüllt, lächelt Jan ihn zuckersüß an und ätzt, eine befreundete Band habe mal ein Lied geschrieben „Timing ist nicht mein Ding – hör‘s dir doch mal an“.

Kunst kann man verstehen

Die Ignoranz sitzt in vielen Wohnzimmern, der Fernseher als Fenster zu einer Welt, die Gott sei Dank weit weg ist: „We are the Champions, keine Zeit für Loser. Sie winken mit den Paddeln irgendwo vor Lampedusa, ich lieg‘ auf meiner Yacht und schau mir Teleshopping an, weil ich kann, weil ich kann“.

Kalauer fehlen nicht. Kunst kann man verstehen. Andy Warhol – Andy war hohl. Klar.

Dass das Leben eine ständige Sinnsuche ist, nicht immer gemeinsam, wissen die Männer und Frauen, die vor den beiden sitzen. „Wiebke suchte sich und fand den Torben, Tête-à-Tête beim Töpferkurs in Wien. Für Wolfgang ist die Wiebke jetzt gestorben, er bimmelt mit dem Bierbike durch Berlin.“ Wie es so ist „zwischen Pubertät und Midlife Crises“.

Zum Ende hin wird‘s ergreifend, Hallelujah von Leonard Cohen. Wie schön, es gibt doch noch Hoffnung in dieser gemeinen Welt.

Von Carlo Eggeling