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Showdown: Die unfreiwilligen Gäste des Bassa Selim versuchen, sich aus dem Serail zu befreien. Foto: t&w

Alles steht auf der Kippe

Lüneburg. Schüsse in Kaltenmoor, Tote in Münster – da kommt nicht unbedingt die richtige Stimmung auf, eine Opernaufführung zu besuchen, mit der eine Brücke des Verständnisses zwischen Morgen- und Abendland gebaut werden soll. Aber es soll ja auch nicht, jedenfalls nicht in erster Linie, um Migrantenproblematik und muslimische Parallelgesellschaften gehen. Sondern um das Verständnis für Musik, die dann wiederum Ausdruck des Lebensentwurfes von Menschen ist.“Die Entführung“ (…aus dem Serail) im T.3, konzipiert als Opernfassung für Zuschauer ab 15 Jahren, verblüfft mit einer Wendung, einem Trick der Regie: Ausgehend von moderner arabischer Popmusik, von Rap und Hiphop, führt der Weg zurück in die Wiener Klassik, also natürlich zu Mozart.

Dramaturg Friedrich von Mansberg stellt in dem aufwändigen, ambitionierten Projekt zwei Musiker aus Syrien in den Mittelpunkt: Siar Amrico (als Bassa Selim) und Maxim Yaghi (Osmin). Ihnen hat Claas Sandbothe eigene Musik komponiert. Wo die Lüneburger Sinfoniker unter der Leitung von Phillip Barczewski im T.3 für die klassische Mannschaft live spielen, kommen die Tracks für Osmin und Bassa Selim aus dem Off. Das fügt sich gut in die Inszenierung ein, die noch einige weitere Ideen bietet: Sieben Lüneburger Teenager spielen eine moderne deutsch-türkische Clique, zu sehen auf der Bühne, vor allem aber als Video-Projektion.

Fassung mit perlenden Koloraturen

Die Handlung ist geblieben: Konstanze und Blonde (Franka Kraneis und Sarah Hanikel) werden in das türkische Serail (den Palast) des Bassa Selim verschleppt und eingesperrt. Ihre Männer Belmonte und Pedrillo (Markus Elsäßer und Alexander Tremmel) reisen ihnen nach und versuchen, sie mit einer List zu befreien, was aber an ihrer Ungeschicklichkeit scheitert – bis der Hausherr sie alle ziehen lässt. Eine großherzige Tat, denn Belmontes Vater hat einst grausam Krieg geführt gegen die Familie des Bassa. Im Opern-Original ist die Sache komplizierter, da hat sich der Bassa von seiner Religion zurückgezogen und erkennt in Belmonte seinen eigenen Sohn. Das aber hätte die straffen 90 Minuten (zum Glück ohne Pause) unnötig belastet.

Zu erleben ist nun eine Fassung mit perlenden Koloraturen und elektrischen Bässen, mit dramatischen wie heiteren Momenten. Die sechs Akteure formieren sich zu Paaren und Dreiecksbeziehungen. Konstanze ist ihrem Belmonte treu ergeben und artikuliert ihre Wut auf den Bassa, der sie verehrt und ihre Liebe erzwingen will. Eine Frau gehört niemandem, das sieht die Blondine grundsätzlich genauso, allerdings findet sie Osmin durchaus attraktiv – „wenn er doch nur etwas mehr Geduld haben würde“. Der finstere, misstrauische Bassa steht dem wuchtigen, weniger distanzierten Osmin gegenüber, Pedrillo zeigt sich deutlich gewitzter als der arme, schüchterne Belmonte, der nur endlich seine Konstanze (so hieß die Geliebte und spätere Ehefrau von Mozart übrigens auch) wiederhaben will.

Wippe als einziges Bühnenrequisit

Alles steht auf der Kippe, das ist wörtlich zu nehmen. Denn als einziges Bühnenrequisit dient eine Wippe, auf der die Akteure mal in die eine, mal in die andere Richtung stolpern oder sich um Gleichgewicht bemühen. Bis sich alles in ein Happy End auflöst, das sämtlichen Beteiligten, die sich in die Herzen der Zuschauer gespielt haben, zu gönnen ist. Langer Applaus.

Dass der Amokfahrer von Münster wohl doch kein islamistischer Terrorist war, ist allerdings nur ein schwacher Trost.

Von Frank Füllgrabe

One comment

  1. Sehr geehrter Herr Füllgrabe,

    über Ihren schlimmen Schlusssatz sollten Sie vielleicht noch einmal gründlich nachdenken.

    Menschen sind ermordet worden. Meinen Sie wirklich, es spiele für die Toten und für das Ausmaß des Schmerzes und der Trauer von deren Angehörigen eine Rolle, welcher Herkunft, religiösen Zugehörigkeit oder ideologischen Wahnwelt der Täter zuzurechnen ist? Wird ein und dieselbe Terrorschlächterei tatsächlich auch nur um ein Gran grausamer, wenn wir wissen, der Verbrecher war kein Christ, kein Kranker, sondern ein Moslem? Wird sie um eine Spur erträglicher, nachdem wir erfahren haben, es handelt sich beim Killer um einen gealterten, konfirmierten deutschen Jungen aus der Nachbarschaft? War es wirklich nötig, am Ende Ihrer Besprechung dieser plakativ, in die stereotype, volkspädagogische Singspielhaftigkeit hinein verkitschten Aufführung zu insinuieren, es gebe graduelle Unterschiede der Bestialität, die allein vom konfessionellen bzw. „kulturellen“ Hintergrund der Handelnden abhängen? Steht solche versteckt-verschämte Perfidie nicht in krassestem Widerspruch zur komplexen Humanität in der musikalischen und literarischen Komposition Mozarts – aber vor allem zu Vernunft, Takt und Anstand im Lüneburger Alltagsleben?