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Das kanadische Ballet BC eröffnet die Abende mit zeitgenössischem Tanz im alten Heizkraftwerk – und wrd gefeiert. Foto: Matthias Leitzke

Anfang und Abschied

Wolfsburg. Das schönste, spannendste und reichste Festival Niedersachsens beginnt, und schon ist ein Abschiedslied anzustimmen. Movimentos, das Festival der Aut ostadt, locken seit 2003 mit Tanzkunst von internationalem Rang ins alte Heizkraftwerk Süd. Der überaus reizvolle Spielort mit seinem morbiden Industrie-Charme wackelte von Jahr zu Jahr und nun ist klar: Movimentos verlieren künftig das Kraftwerk und damit ihr Kraftzentrum. Der Grund ist gut und richtig.

Volkswagen wird das Gebäude wieder industriell nutzen. Der Einbau von Gas- und Dampfturbinen soll 1,5 Millionen Tonnen CO2-Emissionen einsparen. VW entdieselt damit die Luft über Wolfsburg, legt Kohlekraftwerke lahm. So weit, so sauber. Für die Movimentos ist das schade, denn ohne diesen magischen, knapp 1000 Menschen fassenden Spielort fehlt dem Festival der Magnet.

Bis zum 6. Mai laufen Movimentos mit Tanzkunst, Jazz, Klassik, Literatur und Theater. „Würde“ hat der künstlerische Leiter Bernd Kauffmann als Motto ausgegeben. Das Thema taucht oft auf, stark im Literatur-/Theaterprogramm. Tanztheater aber bildet den Kern des Festivals, noch gibt es Karten für Gruppen aus Europa, aus Brasilien, Australien und Taiwan.

Licht, Klang und Bewegung

Zum Start vereint das Ballet BC aus Vancouver dreifach Licht, Klang und Bewegung. Industrial-Sound zischt, bollert, pfeift und kraftwerkt zu Part eins. Emily Molnar, Leiterin der kanadischen Compagnie, lässt in „16 + a room“ ihre Tänzer mit gezirkelten, dynamischen Bewegungen immer neue Anläufe unternehmen, vom Einsamen zum Gemeinsamen zu kommen. „This is a beginning“ steht auf einem Schild, „This is not the end“ auf einem anderen, und das ist natürlich zu lesen, wenn der Vorhang fällt. Auch im folgenden „Solo Echo“ von Crystal Pite ringen die Tänzer um Gemeinschaft, ballen sie sich zu faszinierenden Gruppenkonstellationen und fallen zurück in Vereinzelung. Dass leise Schnee rieselt, hüllt alles in eine Aura der Melancholie, unterstrichen mit Cello-Sonaten von Brahms. Ins Groteske führt schließlich zu immer stärker bummernden Elektroklängen „Bill“ von Sharon Eyal und Gai Behar. Hautfarbene Bodies ersetzen die bis dahin schwarzen Trikots der Tänzer. Mit bestechender Präzision, mit Kraft und Anmut entwerfen sie eine so archaische wie nahe Welt, führen sie quer durch den Garten der Emotionen – mit einigem Witz. Das Publikum ist hellauf begeistert.

Dass Movimentos für Bewegung stehen, zeigt die Jazzreihe im ZeitHaus der Autostadt. Sie beginnt mit jungem britischen Jazz. Zuerst kommt der junge schottische Pianist Dominic J. Marshall mit seinem Trio. Marshall, ein klangsinniger Pianist, fügt eine Art Retro-Synthiesound hinzu, verliert sich aber in mäandernden Läufen, die deutlich machen, dass neuer Jazz oft nur im alten kreist. Und wenn er singt, klingt das mehr nach Suchen – man kann es „style“ nennen. Ungleich mehr Energie und in hellwachem Kontakt zu ihrer Band transponiert Trompeterin Laura Jurd mit ihrem Projekt Dinosaur alte Muster in neue. Elektro-Sounds baut sie für ihr Spiel aus Groove und Ausbruch clever ein. Mit der Frau ist zu rechnen.

Sinn für Zeit und Dialog

Das Movimentos-Klassikprogramm führt Linien weiter, ohne sie zu wiederholen. Kit Arm–strong, mit seinen gerade 26 Jahren ein schon verblüffend arrivierter Pianist, spielt beim Festival, erneut Musik für zwei Klaviere mit der nicht minder begabten Kollegin Annika Treutler. Bei der ersten FreiRaum-Matinee lassen sie mit wunderbarem Sinn für Zeit und Dialog kanonische Etüden von Schumann leuchten, durchmessen mit Rasanz und Witz eine Mozart-Sonate. Dazwischen zeigt Arm­strong in seiner Movimentos-Auftragskomposition „Abschied“, wie klug und spannend er fern von Imponiergehabe die Klavierliteratur erweitert.

Doch liegt auf allem, was bis Anfang Mai geschieht, dieser Schatten: Was wird nun aus den Movimentos? Aufgefahren wurde ein grundsätzliches Bekenntnis zum Festival. Aber in welcher Form mit welchem Programm mit welcher zentralen Spielstätte? Die Autostadt, die Festivalleiter, die Kuratoren spekulieren – und lassen spekulieren.

Von Hans-Martin Koch

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