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Die Karte steckt voller Details, in denen sich Wissen und Glauben des Mittelalters spiegeln, natürlich sind auch Adam und Eva im Paradies prominent dargestellt. Foto: t&w

Sie ist dann mal weg

Lüneburg. Ganz wichtig war am Dienstagmorgen im Museum Tyvek. Das ist ein papierähnliches Kunststoff-Vlies, das ideal ist, um wertvolle Kunst zu schützen. In di esem Fall hüllt Tyvek die Ebstorfer Weltkarte ein, die behutsam eingerollt das Museum verlässt. Nicht zum ersten Mal. Zuletzt bereicherte sie 2009 eine Gotik-Ausstellung in Magdeburg. Nun reist sie ins Landesmuseum Hannover. Dort ist sie „Schatzhüterin“. So überschreibt die Klosterkammer Hannover eine Ausstellung zu ihrem 200-jährigen Bestehen. Begangen wird es vom 20. April bis 12. August.

Auf der berühmten Karte aus der Zeit um 1300 ist die Erde rund, der Osten oben und dort liegt das Paradies – mit Adam, Eva, Apfel, Schlange und allem, was dazugehört. Im Zentrum der Karte prangt Jerusalem, Europa befindet sich links unten, Lüneburg ist auch dabei. Symbolisch wird die Karte vom Leib Christi zusammengehalten, sie bündelt somit das theologische und mythologische Wissen der Zeit. Die Karte fasziniert – mit 1500 Texteinträgen, 500 dargestellten Gebäuden 160 Gewässern, 60 Inseln und Gebirgen, 45 Menschen, rund 60 Tieren und Fabelwesen.

Geschichte und Karte der mutmaßlich im Kloster Ebstorf entstandenen Karte geben unendlich Anlass zu Forschungen und Deutungen. Der Lüneburger Informatiker Dr. Martin Warnke hatte die Weltkarte an der Universität Lüneburg digitalisiert, eine digitale Rekonstruktion entstand auch an der Universität Erlangen-Nürnberg. Den historisch-wissenschaftlichen Stand der Dinge hat Hartmut Kugler 2007 in zwei Bänden zusammengefasst.

Die Geschichte der Karte ist abenteuerlich

Für Kurator Dr. Ulfert Tschirner ist die Ebstorfer Weltkarte „ein unverzichtbarer Bestandteil der Ausstellung im Museum Lüneburg“. Dabei gibt es sie bekanntlich vier- bzw. dreimal, und ein Original ist sie auch nicht. Die Geschichte der Karte ist abenteuerlich

Um 1830 wurde die aus 30 Teilen bestehende, 13 Quadratmeter große Karte in einem „feuchten Gemach“ im Kloster Ebstorf von der Stiftsdame Charlotte von Lasberg entdeckt. An den Rändern der Karte hatten Mäuse genagt, schlimmer: Bald nach Auffinden wurde von unbekannter Seite ein Stück von 66 mal 50 Zentimeter herausgeschnitten. Es könnte Indien gezeigt haben, mutmaßt Museumskurator Dr. Tschirner. Indien nämlich sei auf der Weltkarte sonst nicht vertreten.

Das Original kam ins Landesarchiv Hannover, verbrannte aber im Oktober 1943 bei einem Luftangriff. Damit war die Geschichte nicht zu Ende, das Interesse blieb wach. Von 1950 bis 1953 schuf der heute vor 128 Jahren geborene Bispinger Kunstmaler Rudolf Wieneke vier nahezu detailgenaue Kopien der Karte – auf Pergament von 30 Ziegenhäuten. Vorlage waren fotografische Kopien aus dem Jahr 1891, Besseres gab es nicht. Ursprünglich sollte eine Kopie in die USA, eine nach England, je eine nach Ebstorf und Lüneburg gehen. Es lief etwas anders.

Eine Karte bekam das Museum für das Fürstentum Lüneburg, heute Museum Lüneburg. Das Ebstorfer Exemplar erhielt 2007 einen eigenen Raum im Kloster. 1961 erwarb die Stadt Kulmbach eine Karte, weil die zur Stadt gehörende Plassenburg die einzige auf der Karte verzeichnete Burg ist – warum auch immer. Auf der Plassenburg hängt das Exemplar nun, hinter Glas und auf Leinwand befestigt. Karte Nummer vier wurde von der Firma Reemtsma 1960 dem griechischen Königshaus geschenkt bzw. dem Botschafter übergeben. Museumsdirektor Gerhard Körner war dabei, auch der CDU-Bundestagsabgeordnete Lambert Huys. Der König wusste mit der Karte wohl nichts anzufangen, sie ist verschollen.

Die Lücke vor den Globen wird geschlossen

Der Transport wertvoller Kunst ist Sache für Spezialisten. Die Berliner Firma Belaj Fine Art Service rollte am Dienstag die Karte in Tyvek ein. Die Lüneburger Restauratorin Susanne Kolditz überwachte den Vorgang, der am Ende wenige Minute dauerte.

Die Lücke, die nun im Museum Lüneburg vor den Mercator-Globen klafft, wird in Kürze geschlossen, ebenfalls mit einem monumentalen Werk. 5,75 Meter lang und 58 Zentimeter hoch ist Daniel Freses „Abriß oder Tabula der Grafft und Schiffahrt von Wismar bis Dömitz auf die Elbe“ aus dem Jahr 1605, ausgeliehen vom Stadtarchiv. Die Karte hat auch eine abenteuerliche Geschichte: Auslagerung, Diebstahl, Umwege bis Amerika. . . Aber das ist in etwa 14 Tagen Thema, wenn die Frese-Karte denn hängt.

Von Hans-Martin Koch

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