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Ein Blick auf das Pinnbrett der Autorin, Julia Lalena Stöcken entwirft manche Charaktere zurerst im Bild. Foto: ff

Ein Leben zählt nicht viel

Deutsch Evern. England im neunten Jahrhundert, das war eine düstere, unruhige, manchmal grausame Welt. Das Land ist aufgeteilt in sieben kleine Königreiche, die sich natürlich oft und gern bekriegen, an den Küsten kommt es immer wieder zu Begegnungen mit den Wikingern, die auch nicht gerade überzeugte Pazifisten sind. Und der Glaube bietet keinen inneren Frieden, die Bevölkerung ist weitgehend christianisiert, mag sich aber von den alten Göttern nicht trennen. Das also ist die Heimat der jungen, etwas naiven Cynuise, die im Jahre 811 einer arrangierten Ehe zu entkommen versucht. Was sie noch nicht weiß: Ihr Verlobter, das ist der berüchtigte „Bluthund von Mercien“.

Deutsch Evern, 2018: Julia Lalena Stöcken sitzt im sonnigen Garten und erzählt fröhlich kichernd von ihrer Vorliebe für die Gräuel des finsteren Mittelalters, in dem Menschlichkeit dann um so heller scheint. “Bluthund“ ist der erste Roman der jungen Mutter, mittlerweile arbeitet sie, Kurzgeschichten nicht eingerechnet, an ihrem fünften. Für historische Romane hatte sie schon immer ein Faible, weniger für wildromantische Liebesgeschichten als für die Hardcore-Version, in der ein Menschenleben nicht viel gilt, Blut fließt und Schatten lebendig werden. Sauber recherchierte historische Hintergründe mischen sich mit Mythen und einigen Fantasy-Elementen.

Klassenkameraden als Opfer der Storys

Schuld ist die eigene Mutter. Julia Lalena Stöcken, 1989 in Winsen/Luhe geboren, bekam als Kind viel vorgelesen. „Das ist nie eingebrochen – und Jugendbücher fand ich doof“, erzählt sie. So machten Mutter und Tochter eben mit historischen Romanen für Erwachsene weiter. Als Teenager begann Julia Kurzgeschichten zu schreiben, deren Protagonisten waren oft Klassenkameraden – „die wollten das gern, allerdings waren sie eher Opfer als Helden“. So begann dann auch der „Bluthund“.

Die angehende Autorin lernte Bäckerin. Als sie mit Jamie schwanger war, wurde der Job in der Backstube aber zu strapaziös; also holte sie daheim das Manuskript wieder hervor. „Der erste Entwurf war völliger Murks“, grinst Julia Stöcken, „das musste alles gründlich überarbeitet werden“. Dazu gehörte dann auch mehr Recherche, zum Beispiel ein Besuch der Wikingerstadt Haithabu. Und: „Früher habe ich einfach drauflosgeschrieben. Heute wird alles genau geplottet.“ Mitunter gibt es sogar Skizzen von den Helden, sie sehen aus wie Manga-Comics, tatsächlich hat die Autorin früher welche gezeichnet.

Drei Dates mit dem Weihnachtsmann

Die neue Roman-Fassung also, eine satte 450-Seiten-Story, fand denn auch recht schnell in Bremen einen Abnehmer, bei Eisermann. „Keine Selbstbeteiligung, aber ein kleiner Verlag, da muss ich mich dann auch selbst ein bisschen um Werbung kümmern.“ Das fällt ihr leicht, sie besuchte Buchmessen in Berlin und Leipzig, gab Interviews. Roman Nummer zwei – „Ljuba und der Reiter der Steppe“ – führt in eine andere Welt, in die osteuropäische Kupfersteinzeit, 3000 vor Christus. Mit Cynuise und dem Bluthund von Mercien war Stöcken aber längst noch nicht durch. Also folgte der „Schattenfalke“, das ging nun schneller, das Personal und die Schauplätze hatte sie ja nun parat, mittlerweile ist das England-Epos auf fünf Bände ausgelegt.

Zwischendurch schrieb sie etwas Zeitgenössisches, zusammen mit drei befreundeten Kolleginnen, das Ergebnis heißt „Drei Dates mit Santa“: Der Weihnachtsmann hat Urlaub, sein Sohn übernimmt den Job, begleitet von einer anstrengenden Elfe, verschusselt aber eine Reihe von Briefen und muss sich nun mit einer schlechtgelaunten Postangestellten herumschlagen. Jede Autorin übernahm die Gestaltung eines Charakters. „Ich durfte den Amor schreiben“, erzählt Julia Lalena Stöcken, und – na klar – es wurde die Rolle eines Kriegers daraus.

Von Frank Füllgrabe