Aktuell
Home | Kultur Lokal | Sie sind einfach kosmisch gut
Das ensemble reflektor probt und spielt gern in Lüneburg, und das soll so bleiben. Foto: t&w
Das ensemble reflektor probt und spielt gern in Lüneburg, und das soll so bleiben. Foto: t&w

Sie sind einfach kosmisch gut

Lüneburg. Sie sind jung, leben und arbeiten über die Republik verteilt, und wenn sie sich treffen, geht es rund. 2015 gab das ensemble reflektor sein allererste s Konzert in der Musikschule Lüneburg. Das Haus ist fast so etwas wie eine Heimat für das Orchester geworden. Die Musiker, alle so zwischen 20 und 30, kommen gern hierher, die Bedingungen zum Proben sind ideal, nette Gastunterkünfte finden sich, das Publikum spielt mit, die Innenstadt ist nah, das schadet ja auch nicht. „Per Anhalter durch die Galaxis“ ging es nun und das ziemlich himmlisch gut.

Die Qualität muss stimmen

Klassische Musik darf nicht verstaubt daherkommen. Warum sind die Musiker 25 Jahre alt und die Zuhörer allzuoft 75? Wie lässt sich mit alter Musik junges Publikum erobern, vor allem eins, das nicht über die Eltern von der Flöte bis zur Geige geleitet wird? Das reflektor-Rezept heißt: sich immer neu erfinden, Unerwartetes versuchen, Genres aufbrechen, Konzerte inszenieren, überraschende Spielstätten nutzen und manches mehr. Sie spielen in der Halle 424 im Oberhafenquartier der Hamburger Hafencity, im Reeperbahn-Club Gruenspan und im Berliner Kühlhaus, aber auch an konventionelleren Orten.

Eines bleibt: Die Qualität muss stimmen. Das war nun wieder in der Musikschule zu erleben, in der eine Probenphase mit einer öffentlichen Generalprobe abschloss. Vom Jenseits ins Diesseits führt das Programm. Noch spielen vier Streicher ein Stück aus Haydns „Sieben letzten Worten“, da trauermarschen die anderen in den Saal und werden gleich in die „Vorstellung des Chaos“ aus Haydns “Schöpfung“ einsteigen. Sehr schön, dann aber wird es kosmisch.

Streicher produzieren einen geradezu elektronischen Sound

Die Streicher „verstimmen“ ihre Instrumente um einen halben Ton. Nun ziehen sie in mikrotonalem Dissonanzenflug durchs All. Anders Hillborgs „Celestial Mechanics“ scheint sphärisch und sirenenartig den Klang des Kosmos einzufangen, die Streicher produzieren einen geradezu elektronischen Sound. Dazwischen fahren harte Schläge auf einen Holzblock, schon stürzen die Linien ab, verknäueln sich, oder lassen „brutalissimo“ Sterne aufeinanderkrachen. Dirigent Thomas Klug aber geleitet die jungen Musiker ruhigund sicher durch die Galaxis.

Vor dem Stück liefert Konzertmeister Joosten Ellée eine wunderbare Überleitung von Haydn zu Hillborg, indem er mit Zitaten aus Douglas Adams‘ Kult­ro­man „Per Anhalter durch die Galaxis“ eine skurrile Rede komponiert.

Die Begeisterung beim Publikum ist groß

Klug und Musiker können auch iridisch: Beethovens „Pastorale“ führt aufs Land, zu strömenden Melodien, verhangenem Sinnieren, ein paar Lautmalereien und zu Blitz und Donner. Das Orchester spielt das mitreißend, sich selbst befeuernd, und Thomas Klug hält den Klang bei allem Auftrumpfen transparent bis hin zur Piccoloflöte und natürlich zu den beiden Naturtrompeten, die sich nicht über, sondern in den Klang legen. Die Begeisterung beim Publikum ist groß.

Das war der sechste Streich, die siebte Beethoven-Sinfonie folgt im Herbst – auch in Lüneburg? Das ensemble reflektor wird bereits am Sonntag, 26. August, in der Stadt auftreten, in St. Michaelis. In der Kirche wird Mozart Große Messe in c-Moll aufgeführt. Mit St. Johannis sind die Reflektoren auch im Geschäft, im November 2019 mit dem Brahms-Requiem. Es gibt noch einige weitere Ideen, mit denen das Orchester das Kulturleben der Stadt auffrischen könnte. Aber die sind noch nicht spruchreif. oc

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.