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Kunst voller Lebensenergie schuf Louise Rösler. hier ist ein Bildausschnitt zu sehen. Foto: oc

Qualität setzt sich nicht immer durch

Dahlenburg. Das Motto lautet: „Klasse für sich“. Das ist ein weites Feld. Tatsächlich kümmert sich der Kunstverein Region Dahlenburg in diesem Jahr um Künstleri nnen, deren Werk eben eine Klasse für sich ist. Zugleich aber handelt es sich bei den vier Auserwählten um Frauen, die nie den wirklichen Durchbruch schafften bzw. schaffen konnten. Das lag und liegt an Umständen der Zeit allgemein und an den Männern im Besonderen. Anschauungsunterricht zum Thema liefert die Ausstellung. die am Sonntag, 22. April, im Kunstfleck beginnt. Zu sehen sind Bilder von Louise Rösler (1907-1993) und zu entdecken ist eine Welt voller Lebensenergie.

Es hätte guten Grund gegeben, eine Kunst der Abgründe zu schaffen. Dabei waren die Rahmenbedinungen zunächst günstig. Louise Rösler stammt aus einer Künstlerfamilie, zählt Fernand Léger und Karl Hofer zu ihren Lehrern, begegnet Walter Gropius und Max Beckmann, bereist Südeuropa. Aber dann kamen die Nazis, 1938 wurde eine Ausstellung verboten, 1943 gingen Atelier und Bilder im Berliner Bombenhagel verloren, obendrein folgte der Ausschluss aus der Reichskulturkammer und sogar ein „Farbenverbot“, was nur noch absurd klingt.

Eine Vertreterin ihrer Zeit

Was muss das für eine Frau gewesen sein, die in ihrer Kunst nicht resigniert! Auch nicht, als der Mann an der Front vermisst wird und nicht wiederkehrt. Louise Röslers Werk hält dagegen, es ist durchdrungen von überbordender Fülle, gestalterischer Freude, Vielfalt kleinteiliger Formen und Flächen – und oft vom mitreißenden Rhythmus der Großstadt, der seine musikalische Entsprechung im Wirbel des Jazz finden würde oder bei Strawinsky. Louise Rösler ist stilistisch sicher eine Vertreterin ihrer Zeit, aber sie war niemals angepasst. Ihre Themen überführt sie ins Abstrakte, Formen lösen sich auf, manches überlagert sich, aber immer behält die Komposition eine individuelle Form von Harmonie.

Es sind überwiegend kleinformatige Bilder zu sehen, aber auch eine größere Collage. Sie bezeugt ebenfalls die Lust an der Gestaltung und an der Farbe, dazu an Materialität und Haptik.

„Ich werde dafür sorgen, dass Du nicht hochkommst.“

Auch nach dem Ende des Faschismus rückte Louise Rösler nicht in den Vordergrund. Überliefert ist der Satz eines äußerst prominenten Kollegen, den sie sie auch als Freund begriff: „Ich werde dafür sorgen, dass Du nicht hochkommst.“ Wahr oder nicht, in der Kunst hatten es Frauen mindestens so schwer wie in anderen Lebensbereichen. Und inwieweit sich da etwas geändert hat, darüber ließe sich streiten.

Die ausgewählten Arbeiten kommen aus Kühlungsborn. Dort steht das Museum Atelierhaus Rösler-Kröhnke und gibt den Blick frei auf drei Künstlergenerationen. Die jüngste Generation, die auch nicht mehr jung ist, wird von Anka Kröhnke vertreten, 1940 in Berlin geboren. Ihr hatte der Kunstverein Dahlenburg bereits eine Ausstellung gewidmet. Anka Kröhnke kümmert sich um Haus und Werk, hatte zum Beispiel 2016 eine Ausstellung in der Hamburger Handelskammer bestückt.

Nachlass bereitet eine Menge Arbeit

Die folgende Generation ist künstlerfrei. In Kühlungsborns Schlossstraße lagern reichlich Werke allein von Louise Rösler – in durchgängig hoher Qualität. So ein Nachlass bereitet eine Menge Arbeit und möglicherweise eine Menge Sorge, wenn es um Fragen der Zukunft und des Künstlernachlasses geht.

Louise Rösler.

Bei Louise Rösler könnte es zu einem späten Doch-noch-Durchbruch kommen. Als das Harvard Art Museum in Boston eine Ausstellung über deutsche Kunst von 1943 bis 1955 vorbereitete, stießen die Kuratoren auf das Werk von Louise Rösler und positionieren ihre Arbeiten nun sehr prominent.

Die Ausstellung in Dahlenburg wird am Sonntag um 12 Uhr mit einer Einführung von Dr. Thomas Gädeke (Landesmuseum Schloss Gottorf) eröffnet. Anschließend spricht Gädeke mit der Künstlerin-Tochter Anka Kröhnke. Das Boston-Museum hat um einen Filmmitschnitt des Gesprächs gebeten. Da könnte etwas beginnen.

Öffnungszeiten bis 21. Mai: Sbd./So., 14 bis 18 Uhr.

Von Hans-Martin Koch