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Die zehn Mimetten suchen die Liebe und erzählen, was sie so anstellt im Leben. Foto: Theater

Der erste Kuss ist nicht der beste

Lüneburg. Die besten Geschichten schreibt, wie König Kalauer weiß, das Leben. Nicht leicht aber ist es, aus einem langen Leben die Geschichten zu filtern, die z u erzählen wirklich lohnt, sei es ein individuelles Ereignis oder eines, das eine ganze Zeit charakterisiert. Noch schwieriger ist es, aus einem Dutzend Leben die Punkte einzusammeln, die am Ende einen Theaterabend ergeben. „Liebe“ heißt in diesem Jahr das Stichwort für den SeniorenTheaterClub. Was kann es Wichtigeres geben? Aus „Liebe“ haben Sabine Bahnsen und zehn Mimetten, wie sich das Team nennt, einen herzlichen und charmanten Abend für das T.NT-Studio des Theaters geformt.

Erster Kuss hinter der Scheune

„Seltsames Spiel oder Himmelsmacht“ steht über der Szenenfolge. Kein Fragezeichen! Es stimmt ja beides, mal mehr das eine, mal das andere, meistens beide zugleich. Wer Liebe sagt, spürt etwas Gegenwärtiges – hoffentlich. Viel Vergangenes – sicher. Die Mimetten blicken weit zurück, vor allem in die Zeit als Teenager, die in prä-anglisierter Sprachzeit gelegentlich noch Backfisch hießen. Wenig im Leben war damals prickelnder als der erste Kuss. „Das erste Mal“ natürlich auch, aber darum geht es nicht an diesem Abend, denn das mit dem ersten Kuss hinter der Scheune oder nach der Tanzschule ist ja aufregend genug. Jede/r der glühend rot gekleideten Akteure tritt nach vorn und erzählt vom ganz persönlichen Kussdebüt. Wie schön, wie enttäuschend, wie eklig, wie angstbesetzt es war. Aller Anfang ist, um König Kalauer noch einmal zu zitieren, eben schwer.

Engtanz ist nichts für Kerle

Es geht um Foxtrott in der Tanzschule und darum, dass „Engtanz nichts für Kerle“ ist. Später werden Dating-Portale karikiert und natürlich kommen Partnerschaftsgesuche in den Zeitungen zu Wort. Ob das Vorgetragene im Wortlaut stimmt oder nicht, egal, Szenenapplaus bezeugt die Wahrhaftigkeit.

Wie ersehnte Erlebnisse enttäuschend verlaufen, Jahre später aber verklärt werden können, zeigt eine Episode vom Love-and-Peace-Festival auf Fehmarn 1970. Die Eltern wissen nichts vom Ausbüxen, vor Ort aber ist es nass und kalt und bekifft und nur grässlich. Aber heute kann man stolz erzählen: Ich habe das letzte Konzert von Jimi Hendrix erlebt! So ist das mit dem Erleben, auch manche Liebe bekommt im Laufe der Jahre eine Patina der Milde.

Lockere Episoden autobiografischen Theaters

Aus Erzählen, Aufschreiben und Proben sind lockere Episoden autobiografischen Theaters entstanden. Sabine Bahnsen hat die Szenen zu einer Einheit verbunden und methodisch breit gefächert. Gesang, Tanz, Pantomime lockern den Abend auf, und einige rote Fäden ziehen sich durch: Die Mimetten singen Strophen des Platt-Evergrens „Dat du min Leevsten büst“, und wiederholt vorgetragen werden Liebeserklärungen mit Pointe: Denn auch Nordic-Walking-Stöcke oder ein Segelboot können geliebt werden.

Die acht Frauen und zwei Männer haben spürbar Spaß an ihrem Tun, sie kommen locker rüber, was ja eine Kunst für sich ist. Dass dieser Abend den Nerv des Publikums trifft, ist an den lebhaften Reaktionen im Saal zu hören, und das wird nicht nur bei der Premiere so gewesen sein. Die Mimetten 2018 sind Inga Auch-Johannes, Renate Brandes, Barbara Burchardt, Renate Lübken, Susanne Reimer, Inge Rosin, Heidi Scheunemann, Peter Siemianowski, Günter Warnecke und Hedda Wegner.

Von Hans-Martin Koch