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Der BachChor singt ein durchdachtes und hochkarätiges Programm mit Liedern über die Schönheit und die Zerbrechlichkeit der Erde. Foto: t&w

Mit Liebe zum Besonderen

Lüneburg. Es geht nicht anders, auch wenn es sich wiederholt: Bei Berichten über den BachChor ist zuerst hervorzuheben, dass es der Leiterin Deborah Coombe imme r wieder gelingt, Themen zu setzen und Programme zu bauen, die sich deutlich vom Chorangebot in Stadt und Land abheben. Als zweites fällt an diesem späten Nachmittag in der Musikschule auf, dass der Chor mit einer richtig starken Männerbesetzung auftritt und so eine Klangbalance erreicht, wie sie andernchors selten zu hören ist. Drittens muss, wie sich schnell zeigt, der BachChor durchgängig ein hohes Niveau halten. Das ist nötig, um das Konzert mit dem Titel „Sterne * Wolken ~ Meer“ zu meistern. Es gibt erstens, zweitens, drittens nichts zu meckern.

Männermordende Sirenen

Ausgesucht wurde das Programm für den internationalen „Earth Day“, das Konzert verstand sich also als Hommage an die Schönheit und Zerbrechlichkeit der Erde. Deborah Coombe kann auch bei diesem Thema ihr Faible für Komponisten aus dem amerikanischen Raum pflegen, für Musiker, die hier nicht so ganz oft präsent sind. Zuerst Randall Stroope, 1953 in den USA geboren. Er schickt mit Homers Worten Odysseus zu den Sirenen, und da passiert schon etwas, was sich wiederkehrend durch das Programm zieht: Anschaulichkeit. Hier sind es langgezogene, dissonant schillernde Bögen der biestigen, männermordenden Sirenen, ein geheimnisvolles Raunen, bis alles mit Macht anschwillt und verebbt. Offen(hör)bar sind Odysseus und seine Mannschaft den tödlichen Verlockungen entkommen.

Hit des Abends ist „Little Man in a Hurry“

Komponisten aus Italien, Frankreich, Lettland und Norwegen kommen zu Wort und Klang, besonders aber der Amerikaner Eric Whitacre. In „Cloudburst“ beschreibt der 48-Jährige das mähliche Heranziehen eines Gewitters. Erst murmelt es offenbar in der Ferne umher, bald wird per Atem der Wind herangeführt, es folgt ein gewaltiges Crescendo, kräftige Regen-Percussion, es wütet der Sturm, und der laufende Regen wird mit Fingerschnipsen symbolisiert.

In „Little Birds“ dürfen kräftig Vogelstimmen imitiert werden, „The Seal Lullaby“ wird –auf sanften Wogen – zum Schlaflied. Hit des Abends ist aber Whitacres „Little Man in a Hurry“, mit fast perkussivem Klavier (Hye Yeon Kim) und gesteigerter Hektik bis zum Ausruf: „Halt. Stop. Forget. Relax“. Sehr witzig, sehr wahr, stark präsentiert – und am Ende wird es zur passenden Zugabe.

Atmosphärisch passende Fotos werden auf Großleinwand projiziert

Das Instrumentale bekommt ebenfalls viel Raum. Das junge Percussion-Ensemble „Wolkenbruch“ begleitet das Konzert, eine Art ohrnervendurchdringende Glasharfe spielen die Vier auf Wassergläsern zu Eriks Esenvalds‘ „Stars“. Zwischen die Chorstücke packt Deborah Coombe (Klavier) mit Manfred Seer (Flöte) und Ulf Manú (Gitarre) Sätze aus Claude Bollings „Picnic Suite“. Der Franzose, vor allem als Big-Band-Mann bekannt, war einer der ersten, die Klassik und Jazz verbanden – und so groovt es an diesem Abend auch.

Es gibt noch viertens und fünftens anzuhängen. Viertens liegt kein gedrucktes Programm aus. Stattdessen werden auf Großleinwand atmosphärisch passende Fotos projiziert, dazu Hinweise aufs Folgende mit kurzen Textanrissen. Verse in Originalsprache werden außerdem vorgelesen. Das ist originell, aber die poetischen Texte von Paz, Cummings, Kipling mit- oder nachlesen zu können, wäre auch schön. Fünftens blieben so einige Plätze in der Musikschule frei. So ließe sich viertens, fünftens doch etwas mäkeln, aber das verblasst völlig, denn sechstens war es ein gelungenes, hochwertiges und konzentriertes Konzerterlebnis.

Von Hans-Martin Koch