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Erika Tipke und Rainer Wohlfahrt präsentieren Porträts der wichtigsten Autoren ihrer Region: Magdalene Stange-Freerks, Joseph Wittig und Auguste von der Elbe. Foto: ff

Die Elbe als Pseudonym

Breetze. Erika Tipke hütet einen kleinen Schatz, ein Buch. Es ist eher unansehnlich, für Normal–sterbliche todlangweilig, es gibt auch keine Illustrationen, kei ne Signaturen, aber es ist dennoch eines der berühmtesten Werke der Welt: „Das Kapital“ von Karl Marx, hier in der „vierten durchgesehenen Auflage“ aus dem Jahre 1890. Es hat für Erika Tipke, Vorsitzende des Bleckeder Freundeskreises „Literatur in der Region“, nicht nur antiquarischen Wert. Das „Kapital“ erschien erstmals 1867 in „Otto Meissners Verlag“, der später nach Bleckede zog. An solche Geschichten erinnert der Freundeskreis, der als Verein nun zehnjähriges Bestehen feiert.

Die geräumige Diele eines alten Bauernhauses bildet bei Erika Tipke daheim gewissermaßen den literarischen Mittelpunkt des Vereins: die Bibliothek, einfach ein großes Buchregal. Darauf stehen auch drei kleine gerahmte Schwarzweißporträts: Auguste von der Elbe, Magdalene Stange-Freerks und Joseph Wittig. Denn der Freundeskreis verpflichtete sich laut Satzung – nicht nur, aber vor allem – neben dem Meissner-Verlag explizit diesen drei Autor(inn)en.

Auguste von der Elbe (eigentlich: von der Decken, geborene Meier), 1827 im Bleckeder Schloss geboren, schrieb Erzählungen und fünfzig Romane, die sich „durch heimatliches Kolorit und ihren gesunden Heimatsinn sehr vorteilhaft von der modernen Romanliteratur abheben“, wie die Deutsche Volkszeitung zu ihrem achtzigsten Geburtstag lobte. Es war eben keine leichte Zeit für modern denkende Schriftstellerinnen. Die Gattin des Major Hieronimus von der Decken soll auch das Elbe-Pseudonym gewählt haben, weil sie den Familiennamen als schreibende Frau nicht in Verruf bringen wollte. Immerhin wurde sie – dann doch – in Fachzeitschriften und Lexika gewürdigt.

Liebe zu Natur und Heimat

Magdalene Stange-Freerks, 1896 in Hamburg geboren, gestorben 1982 in Deutsch Evern, veröffentlichte acht Romane und Erzählungen sowie zwei Gedichtbände. Ihre historischen Romane, insbesondere „Auf der alten Salzstraße“ und das Jugendbuch „Admiral Karpfanger“ waren erfolgreich und erreichten mehrere Auflagen. Der Rezensent Erich Hessing pries „ungewöhnliches Talent zum anschaulichen Erzählen“ sowie „menschliche Weisheit“, und auch hier: „Natur- und Heimatliebe“. Schließlich: Joseph Wittig, 1879 in Schlesien geboren, 1949 in der Göhrde gestorben: Der streitbare Theologe und Autor warb für die Ökumene, setzte sich mit der Katholischen Kirche auseinander, die er in der Praxis als starr und lebensfeindlich empfand. Die Kirche reagierte, setzte seine Bücher auf den Index, Wittig wurde exkommuniziert und verlor seinen Lehrstuhl.

Ernst Tipke, Leiter der Heimvolkshochschule Barendorf in der Zweigstelle Schloss Bleckede, hatte Schriftsteller mit Bezug zur Region schon lange im Blick. 2008 gründete er aus einem losen Freundeskreis den Verein, nach seinem Tod drei Jahre später wurde seine Frau zur Vorsitzenden gewählt. Das empfand Erika Tipke durchaus als Ehre, zunächst aber auch als Belastung, so etwas muss man ja schließlich können, „und da war ich mir gar nicht so sicher“. Rainer Wohlfahrt ist als Mann der ersten Stunde bis heute der Vize-Vorsitzende, von ihm stammen (unter anderem) sorgsam edierte Broschüren über Auguste von der Elbe. Immerhin 34 der 50 Romane Augustes stehen heute im Breetzer Vereinsregal.

Auseinandersetzung mit der NS-Zeit

Kontakte pflegen mit Nachkommen der Autoren, Nachlässe sortieren, Organisation von Lesungen (in Schulen beispielsweise), Neuausgaben alter Werke in moderner Form, das sind Kernaufgaben des Freundeskreises. Dazu gehört aber auch die Auseinandersetzung mit der jüngeren Vergangenheit, zum Beispiel die Dokumentation John Hopps über die Außenstelle des KZ Neuengamme in Alt Garge, Titel: „Die Hölle in der Idylle“, das habe vielen Zeitgenossen durchaus „große Schmerzen bereitet“, sagt Erika Tipke. Mehr Spaß macht die Arbeit etwa mit dem Autor Heinz Kattner, der Austausch mit dem Kultur- und Heimatkreis Bleckede, mit Lesungs-Organisatorin Heidi Petermann. Insgesamt wünscht sich Erika Tipke für die Zukunft noch engere Vernetzung mit ähnliche interessierten Menschen und Organisationen.

Die nächste Aktion des Freundeskreises ist von der leisen Art, dann heißt es: „Eine Rose für die Dichter“. Am Sonnabend, 2. Juni, besuchen und schmücken die Mitglieder – wie jedes Jahr – die Gräber der Autoren.

Von Frank Füllgrabe