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Nicht ohne den Zettel: Poetry-Slammer William Laing. (Foto: Heike Kölzer)
Nicht ohne den Zettel: Poetry-Slammer William Laing. (Foto: Heike Kölzer)

Zehn Punkte für den Sieger

Lüneburg. Als William Laing an diesem Abend die kleine Bühne in einer Hamburger Bar betritt, erschallt ein „Zehn-Punkte-Applaus“, wie er in der Poetry Slam-Szene genannt wird. Das Publikum, das vor allem aus jungen Menschen besteht, kennt ihn und freut sich hörbar auf seinen Auftritt. Der 22-Jährige hat nur einen Zettel dabei, er stellt sich vor das Mikro.

William Laing wohnt in Lüneburg, studiert Kulturwissenschaften an der Leuphana Universität – und ist wohl einer der bekanntesten Poetry Slammer aus Lüneburg. Er schreibt eigene Texte, trägt diese einem Publikum vor und tritt dabei gleichzeitig gegen andere Poeten an. Poetry Slam: Das Publikum kürt durch Punktetafeln oder durch Länge, Intensität und Stärke des Applauses den Gewinner.

Vor etwa drei Jahren hat William Laing seinen ersten Text geschrieben, da war er noch in der Oberstufe auf dem Gymnasium. „Ich kannte Poetry Slams vorher nicht. Ich wusste gar nicht, was das ist“, sagt er. Erst ein paar Jahre später schrieb er eine E-Mail an den „Kampf der Künste“, dem größten Poetry-Slam-Veranstalter in Deutschland mit Sitz in Hamburg. Im März 2016 hatte er dann im „Grünen Jäger“ in St. Pauli seinen ersten Auftritt. Es ist die Bar, in der er auch heute Abend, zwei Jahre später, wieder zu Gast ist.

„Auf einem Poetry Slam gibt es immer Liebestexte. Das finde ich scheiße“, beginnt er an diesem Abend. „Ich habe aber auch mal einen geschrieben. Der Text heißt: Ich mag dich … als Freund“. Vereinzelte Lacher aus dem Publikum. Es geht also um eine unerwiderte Liebe, die nur in Freundschaft endet. Ein Thema, mit dem viele Menschen offenbar schon selbst Berührungspunkte hatten. Er beginnt, seinen Text vorzutragen. Dabei verstellt er seine Stimme, variiert sein Tempo. Es gleicht fast einem Schauspiel. An vielen Stellen bringt Laing das Publikum zum Lachen, ohne, dass der Text seine Ernsthaftigkeit verliert.

Solche Texte zu schreiben möge er am liebsten, sagt er. „Man hat wirklich etwas, was man auch sagen möchte, etwas, das einem vielleicht auch Sorge bereitet, aber man verliert nicht den Witz dabei.“ Diese Balance zwischen Wortwitz und Gefühlen hinzubekommen, sei allerdings nicht leicht. „Ich würde gerne nur solche Texte schreiben, aber ich finde es wirklich nicht einfach, auch so einen runden Text hinzubekommen.“

Manchmal hat er ein kreatives Loch. Und dann? „Liegen lassen“, antwortet er. Unter Druck schreiben, das könne er nicht. Laing hat ganz persönliche Texte geschrieben wie den über die unerwiderte Liebe oder über Schottland, die Heimat seines Vaters, aber auch Texte über das Studentenleben oder die Deutsche Bahn.

Vor allem in Norddeutschland ist Laing mit seinen Slams rumgekommen. „Ich war bei Slams in Hamburg, Bremen, Lübeck und noch ein paar kleineren Orten“, sagt er. Inzwischen ist er bei 30 bis 50 Slams pro Jahr zu Gast. Seinen größten Auftritt hatte er beim „Zeise Slam“ im vergangenen Jahr im Schauspielhaus Hamburg – vor 1200 Leuten. „Ich glaube, ich bin trotzdem eher Fan von den kleineren Slams in Bars, da ist die Atmosphäre einfach nochmal anders“, stellt er fest.

In Lüneburg war Laing zuletzt Anfang April im Salon Hansen zu Gast, wo regelmäßig Poetry Slams stattfinden. Bekannt ist er bei vielen auch durch den „Science Slam“ an der Leuphana, den er sowohl 2016 als auch 2017 moderiert hat und bei der er auch einen Text über die Leuphana vorgetragen hat.

Zurück in St. Pauli: Das Publikum an diesem Abend ist von dem Lüneburger begeistert. Auch bei der Abstimmung erhält Laing einen „10-Punkte-Applaus“. Er geht am Ende als Sieger von der Bühne.

Von Franziska Krämer