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Hallo, hier spielt die Musik! Herr Schröder berichtet von seinen Abenteuern in der „World of Lehrkraft“. (Foto: t&w)
Hallo, hier spielt die Musik! Herr Schröder berichtet von seinen Abenteuern in der „World of Lehrkraft“. (Foto: t&w)

Der Korrekturensohn

Lüneburg. „Wenn ihr alle gut mitmacht, dann ist heute fünf Minuten früher Schluss!“ Tja, der Herr Schröder (Deutsch und Englisch), der weiß, wie man eine Klasse im Griff behält. Aber er ist ja auch schon ein paar Jährchen dabei – zwölf Jahre Gymnasialunterricht in Offenburg, das härtet ab, da lernt man für`s Leben, wie ja ohnehin jeder Pauker immer wieder predigt: „Ihr lernt das alles nicht für mich, sondern für euch selbst!“

In der ausverkauften Konzertscheune des Kulturforums Gut Wienebüttel führte der gebürtige Berliner in die abenteuerliche „World of Lehrkraft“. Durchgenommen wurde alles, was zum Trauma eines echten Hinterbänklers gehört, vom bestimmten Artikel bis zur Textaufgabe, vom Elternsprechtag bis zur Klassenfahrt. Schulalltag und Comedy, das ist eine geniale Kombination, siehe „Fack Ju Göhte“, immerhin war jeder mal Schüler, und der Herr (Johannes) Schröder erweist sich im Nahkampf mit dem Publikum als reaktionsschneller Stand-up-Comedian. Inzwischen hat er eine schöne Reihe von Kabarettpreisen gewonnen.

Natürlich sitzen in den Reihen viele Lehrer/innen, die sich nun darüber freuen dürfen, dass es anderswo offensichtlich auch nicht besser läuft. Schröder, Seitenscheitel und beiges Cordjackett, ist „Lehrer mit Frustrationshintergrund“, lässt sich als „Korrekturensohn“ beschimpfen und schlägt zurück. Wer – im Klassenraum wie im Kabarett – vorn sitzt, ist entweder ein Streber oder selbst schuld, der muss sich eben auch mal einbringen. Und: Zu spät kommen, sich reinschleichen, das geht natürlich auch nicht, nicht bei Herrn Schröder, auch wenn er da grundsätzlich tolerant ist. Um ein authentisches Unterrichtsgefühl hinzubekommen, bittet er den einen oder anderen, immer mals wieder „Du Opfer!“ zu rufen. Das klappt auch ganz gut.

Manches speist sich aus echter Erfahrung. Elternsprechtag? „Es ist immer wieder reizvoll, auch mal diejenigen kennezulernen, die immer die Hausaufgaben gemacht und die Aufsätze geschrieben haben.“ Anderes richtet sich an die schmerzvoll-wehmütige Erinnerung des Publikums. Inhaltsangabe, Textinterpretation, zwischen den Zeilen lesen, was will der Autor uns damit sagen? Entsetzlich. Bundesjugendspiele? Stöhn. Textaufgaben? Ächz. Bauer Cordes verkauft sieben Pfund Kartoffeln für zehn Euro. Wie alt ist der Trecker? Oder so ähnlich. Und: Wer erinnert sich nicht an diese komischen Klassenkameraden, die nie ohne Brustbeutel mit Klarsichtfenster unterwegs waren? An diejenigen, die bei Klassenfahrten im Bus immer ganz vorn saßen und den Fahrer mit ihrem Basiswissen zugetextet haben?

Vordergründig geht es also um Schule von innen, aber der Stoff lässt sich in jede Richtung weiterspinnen. Grammatik zum Beispiel. Ist es nicht interessant, dass in der deutschen Sprache der bestimmte Artikel alle Dinge einem Geschlecht zuordnet? Also heißt es (anders als bei den Franzosen übrigens) „die Sonne“ und „der Mond“ – und eben „die Einparkhilfe“. Hat da jemand „der Unfall“ gesagt? Das will Herr Schröder jetzt nicht gehört haben. Manches geht unnötigerweise unter die Gürtellinie. Zum Beispiel die Nummer mit den US-Boys, die mit Baseball-Metaphern beschreiben, wie weit sie bei einem Girlfriend vorangekommen sind: Bluse öffnen – first base, und so weiter, bis zum homerun, das hätte nicht durchgespielt werden müssen. Na schön.

Das Publikum amüsierte sich jedenfalls bestens und machte gut mit. Trotzdem hat der Herr Schröder nicht eine Minute früher Schluss gemacht, im Gegenteil. Ey, du Korrekturensohn!

Von Frank Füllgrabe