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Sänger Ken Norris und Bigband-Chef Alexander Eissele haben gemeinsam viel Spaß an den Klassikern des Jazz. Foto: t&w

An diesem Abend stimmte einfach alles

Scharnebeck. Es war ihr Wunschtraum, was zunächst organisatorisch fast unmöglich schien. Nämlich eine der besten Bigbands Deutschlands aus dem Stuttgarter Raum in den Norden zu holen, und zwei ihrer absoluten Jazzgesang-Favoriten für ein gemeinsames Konzert zu gewinnen. Rund 18 Monate dauerte es, bis dieses von Elke Koops, der Kulturbeauftragten der Gemeinde Scharnebeck, fast im Alleingang initiierte Projekt Wirklichkeit wurde. Im Bernhard-Riemann-Gymnasium brachten Alexander Eisseles exzellente Göppinger Lumberjack-Bigband und die Jazzgrößen Myra Maud und Ken Norris das ausverkaufte Forum zum Kochen.

Das Konzert begann mit aufgeweckt interpretierten Stücken der Gymnasiums-Combo unter Bandleader Frank Hämke. Das spritzige „Hit the road Jack“ oder „Sweet Home Chicago“ und Rocker-Gags ihres Gitarristen sorgten schnell für die richtige Stimmung. Die Zuhörer ließen sich schnell animieren, bald schon hielt es viele nicht mehr auf den Stühlen. Die Lumberjack-Bigband powerte von Anfang an, und ihr Leiter Eissele strotzte vor unbändigem Temperament. Nachher sei er wahrscheinlich vollkommen fertig. Gut, dass es keine Webcam über seinem Bett gebe, sagt Eissele, der ja in Lüneburg bekannt ist für seine ungeheure Bühnenpräsenz und seine humorvolle Moderation.

Soul und Blues, Swing, fetziger Rock, Jazz und klangschöne Balladen

Gern wartet der Klarinettist der Lüneburger Symphoniker mit besonderen Konzert- und Theaterprojekten auf, stets bestens vorbereitet und aberwitzig energiegeladen, souverän dirigierend, singend oder auch einmal die Querflöte spielend. Die holt er an diesem Abend auch hervor, tanzt beim Dirigieren, springt durch die Reihen seiner Band und hüpft, wenn die richtig swingt und los rockt, wie ein Gummiball, zum Amüsement des Publikums.

Seit rund 30 Jahren existieren die Lumberjacks in Eisseles Heimatkreis Göppingen-Stuttgart, als klassisch besetzte Bigband aus Hobbymusikern, Musikstudenten und erfahrenen Profis, gegründet von Schlagzeuger Eckhard Stromer, seit 1992 geleitet von Alexander Eissele. Bravourös exakt kommen die Einsätze, ins Blut gehen dynamische Rhythmen und süffiger Sound. Es stimmt einfach alles an diesem Abend. Soul und Blues, Swing, fetziger Rock, Jazz und klangschöne Balladen, eine Reise durch den Jazz, mit Bob Curnows 2002 entstandenem „Spencer is here“, Hamiltons „Cry me a river“ von 1953 oder „I wanna be like you“ der Sherman-Brothers aus den Sechzigern.

Zwei Background-Sängerinnen

Zum mitreißend vitalen Spiel der Bigband mit zwei Background-Sängerinnen passte die fein schattierende und große Stimme des Jazzvokalisten Ken Norris. Er interpretierte Songs wie Lennon/Mc Cartneys „All my lovin“, und Jolson/Dreyers „Me and my shadow“ von 1927 mit umwerfender Power. Als Duo-Partner lässt Norris, der 1967 in Ohio geboren, in den USA und Paris ausgebildet wurde und seit acht Jahren Professor für Jazzgesang in Hamburg ist, seine Stimme geschickt mit der klangflexiblen Röhre von Myra Maud verschmelzen.

In Paris wurde die charmante Sängerin bekannt. Sie beherrscht alle Stile, performt über mehrere Oktaven erfrischend beschwingt, mit Volumen oder gehauchtem Samt in der Stimme und mit überraschenden Vibratovariationen. Entsprechend flackern und flammen die Duette mit Norris, Rodger/Harts „The Lady is a tramp“ von 1937 oder Ray Charles‘ „Hit the road Jack“, und allemal ihre Soli „What a difference“ oder die französischen Chansons „Hymne a l’amour“ und „La vie en rose“.

Natürlich gab es stürmischen Applaus und mehrere Zugaben, darunter das sanfte „Me and Mrs. Jones“ – Abschluss eines mehr als gelungenen dreistündigen Konzerts.

Von Antje Amoneit