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Johannes „Pit“ Przygodda in seinem eigenen, gut verkabelten Reich. Foto: ff

Am liebsten zwischen den Stühlen

Embsen. Wer einen Film dreht, der denkt gemeinhin an Handlung, Kulisse, Totale, Halbtotale und Perspektive. Außerdem hat man dann, das ist doch irgendwie selbst verständlich, eine Kamera zur Hand. Johannes „Pit“ Przygodda braucht diesen ganzen Schnickschnack nicht. Der heute in Embsen lebende Künstler hat einen 35-Millimeter-Filmstreifen, auch die Tonspur, mit Gardinengewebe beklebt. Das führte zu eigentümlichen Bild- und Klangeffekten und sicherte Pit Przygodda seinen Platz auf den Festivals und in den Lexika der Experimentalfilmer.

Am liebsten sitzt er zwischen allen Stühlen

„Gardine Sing Sing“ heißt der 1,39-Minuten-Streifen aus den Neunziger Jahren, der Titel lässt sich auch Richtung Knast auslegen: erstens schwedische Gardinen für Gitter, Sing Sing ist zweitens ein Gefängnis im Bundesstaat New York. Die Arbeit von Johannes Przygodda ist vielschichtig und vielseitig, sie reicht von solchen Tricksereien über Popmusik bis zu Film- und Theater-Sounds. Das neueste Pit-Projekt bekam den Titel Videovox und führt von Foto und Film über ein Computerprogramm zum Klang und von dort wieder zum Film. Am liebsten sitzt er wohl einfach zwischen allen Stühlen.

Von vorn: Johannes Przygodda, 1968 in Wunstorf bei Hannover geboren, begann als Siebenjähriger ganz klassisch mit dem Klavier, als Zwölfjähriger dann mit Komposition. Aus dieser Zeit stammt sein erster Synthesizer, ein Korg MS 20, der heute noch zum Equipment im Embsener Kellerstudio gehört. Er wirkt mit seinem kleinen Manual und dem Stecker-Lochfeld rührend altmodisch, „ich kann ihn aber“, so Przygodda, „noch wunderbar gebrauchen, für monophone Soli zum Beispiel, und für percussive Noise-Sounds“.

Unterwegs mit der Band Go Plus

Was tun nach dem Abi? Es sollte etwas mit zeitgenössischer Musik zu tun haben, „aber es gab noch keinen Pop-Studiengang, und Musiklehrer wollte ich nicht werden“. Also begann er erst einmal an der FH Hannover mit Graphic-Design, trieb sich aber schon bald nur noch in der Interdisziplinären Film-Klasse herum und landete schließlich an der Hochschule für Bildende Kunst Hamburg, Abteilung Experimentalfilm. Sein Mentor wurde Professor Franz Winzentsen, der zu den bedeutendsten Experimental- und Animations-Filmemachern der Gegenwart gezählt wird.

Eine andere Schiene war das Trio Go Plus, für das Pit Przygodda als Komponist, Sänger und Instrumentalist agierte – deutsche Texte, Pop, Jazz, Chanson, Indie, irgendwas dazwischen. „Das lief gut“, erinnert er sich, es gab Tourneen, Alben, Rezensionen, Interviews. Aber 2005 ging Go Plus auseinander, Przygodda schrieb und spielte Musik für Film und Theater.

Hamburg ist ein teures Pflaster

Auch das lief gut, aber Hamburg ist ein teures Pflaster. Johannes Przygodda zog mit Ehefrau Geka Winkler und den Kindern nach Embsen, die haben hier nun ein eigenes grünes Reich zum Toben. Als Glücksfall erwies sich ein Haus mit einem massiv isolierten Keller, Feuchtigkeit ist nicht gut für all die Geräte, die der Multikünstler inzwischen angesammelt hatte. Hier steht neben allerhand vertrauten Instrumenten nun auch der selbst entwickelte Video-Audio-Synthesizer Videovox. Er funktioniert – grob gesagt – so: Begrenzte Felder aus Foto und Film werden nach Formen, Farben und Grauwerten abgetastet, die Signale in Klänge umgerechnet. Das sind dann keine Zufallsprodukte, auch wenn der Schöpfer nach dem gewünschten Ergebnis mitunter länger suchen muss.

Nun freut sich Pit Przygodda auf den – vom NDR mitproduzierten – Gothic-Horror-Thriller „Jenseits des Spiegels“ von Regisseur Nils Loof, das ist der erste abendfüllende Spielfilm, für den er den Soundtrack schuf. Die TV-Premiere steht noch aus, natürlich kam hier auch der Videovox zum Einsatz, um das Böse hörbar zu machen.

Zurück zum guten alten Klavier

Zwei Bandprojekte entwickeln sich aktuell, und wenn der Embsener Konzerte gibt, dann läuft der Audio-Video-Synthi über Bildschirm und Lautsprecher, dann gibt es Gesang aus Go-Plus-Zeiten, Experimentelles, oder auch mal ein paar schöne, nicht zu virtuose Klavierballaden. Dann kehrt Pit Przygodda zurück zu den jungen Jahren, als alles begann.

Von Frank Füllgrabe