Dienstag , 25. September 2018
Aktuell
Home | Kultur Lokal | Der verbogene Mensch
Walter Knolle präsentiert seine Skulpturengruppe „Adam und Eva mit Kind“. (Foto: ff)

Der verbogene Mensch

Radbruch. Empfangen wird der Besucher von einem – im wahrsten Sinne des Wortes – baumlangen Basketballspieler; ein Teppich aus Holzschnitze n bedeckt das Foyer, das sieht richtig schickt aus: „Das sind Abfälle von meinen Arbeiten“, sagt Walter Knolle. Es fällt genug an, der Holzbildhauer hat über die Jahre ein umfangreiches Werk von Großskulpturen geschaffen, dazu unzählige kleine Objekte, Reliefs, Grafiken und Bilder. Dies alles zeigt Walter Knolle in seiner Kunstscheune, beziehungsweise im Garten drumherum. Neueröffnung: morgen, Sonnabend, 15 Uhr.

Denn es gibt ein neues Konzept. Zehn jahre lang hat der Künstler und Kunstpädagoge in der geräumigen Scheune an der Schäfer-Ast-Straße 15a Kollegen eingeladen, Einzel- und Gruppenausstellungen auf die Beine gestellt. Doch das erwies sich auf die Dauer als zu aufwendig und damit auch zu teuer. Ab jetzt also: Knolle pur. Das kostet für Erwachsene Eintritt, eine Publikation und Führung inklusive.

Zu erleben ist ein Gesamtkunstwerk auf zwei Etagen mit Rauminstallationen und kleinteiligen Dingen. Der große Hauptraum also gehört lebens- und überlebensgroßen Skulpturen aus Linde und Pappel. Die großen, aus einem Baumstamm herausgeschlagenen Figuren preisen mal die glatte, makellose Schönheit des Menschen, oft aber verbiegen sie sich als Ausdruck innerer Spannung. Manches ist autobiographisch geprägt, das gilt jedenfalls für den Nebenraum mit dem Thema „Die 2. Geburt“, in dem eine Schmerzensfigur auf einem Bettgestell den Mittelpunkt bildet.

Gestalten im Kampf mit sich selbst

Skulpturen haben oft mehr als zwei Arme und Beine, sie scheinen sich nach allen Seiten zu wehren oder liegen mit sich selbst im Clinch. Manchmal sind zwei Menschen miteinander verwoben beziehungsweise ineinander verkeilt. Es gibt auch ganz schmale, dünne Holzfiguren, hier hat sich der Bildhauer von den Konturen seiner Fundstücke leiten lassen, das hat dann auch mal Züge von Karikaturen. „Dialog mit Afrika“ heißt ein anderer Raum, wiederum mit einer zentralen Holz-Skulptur, ringsherum Fotos, Zeitungsausschnitte, Souvenirs, Bücher, und so fort. Es geht um Kolonialismus, Ausbeutung, alte und moderne Erscheinungsformen des Schwarzen Kontinents.

Kunst ist bei Walter Knolle (fast) immer von gesellschaftspolitischer Relevanz, zuweilen muss sich der Besucher die zahlreichen Querverweise selbst zusammenfügen. Das ist nicht so schwierig in jenem Raum, in dem Büsten von Angela Merkel und Helmut Kohl stehen, begleitet von Politiker-Farbholzschnitten und einer Pressewand. Dort steht übrigens eine schöne Schwurhand – Kohl und seine Aussagen zu Parteispenden, das ist eben so ein Thema für sich.

Richtig heftig ist die „Tortura“, eine gruselige, fast pechscharze Rauminstallation mit einem Folterkeller und einer kindersicheren Tür. Hier muss sich der Besucher durch dunkle Gänge tasten. Das hätte etwas von Geisterbahn, wenn der Bezug zur Realität nicht so schrecklich direkt wäre.

Frauenzimmer mit üppigen Akten

Rohrstock-Pädagogik in den Fünfziger Jahren (ein Guckkasten), in der „Galerie“ Auswüchse der Automobilisierung, gegenüber das „Frauenzimmer“ mit üppigen Akten, die Scheune hat viele Winkel. Sie ist jeweils am ersten Wochenende von Mai, Juni und Juli 15 bis 18 Uhr geöffnet, zusätzliche Besuchstermine lassen sich unter 04178-818365 vereinbaren. Sie sollten aber dicht an den offenen Wochenenden sein. Denn Walter Knolle muss auf viele Leitern steigen, um seine Skupturen zu ent- beziehungsweise verhüllen: Auch Insekten, Vögel und Fledermäuse finden in der Scheune seine Holzarbeiten gut.

Von Frank Füllgrabe