Mittwoch , 19. September 2018
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Stefanie Schwab in der Rolle der Eve, die gleich mehrfach von Männern ge- und enttäuscht wird. Foto: Theater/Tamme

Das zerbrochne Mädchen

Lüneburg. Es war, nein, es ist einmal ein Präsident. Er hat womöglich was mit einer Frau gehabt, die ihren Körper verkauft. Die kenne ich nicht, sagt er. Es ist ein Schweigegelübde über die Frau verhängt worden. Weiß ich doch nicht, sagt er. Sie bekam Geld fürs Schweigen. Was geht mich das an? Das Geld zahlte der Anwalt des Präsidenten. Ist doch dessen Privatsache. Der Anwalt erhielt das Geld vom Präsidenten zurück. Ja ja, warum nicht, alles legal. Fortsetzung folgt. Wahrheit kommt oft zäh ans Licht. Aber hat sie Konsequenzen? Wer ist am Ende Opfer? Das hat vor gut 200 Jahren Heinrich von Kleist im „zerbrochnen Krug“ untersucht. Das Thema ist brutalst aktuell, zeigt Harald Weiler in seiner „Krug“-Lesart am Theater Lüneburg. Spannend, konzentriert, bitter und lang beklatscht,

Ein Lustspiel ist es, steht über dem Text. Daraus gemacht wurde immer und immer wieder ein schwanknahes Volle-Pulle-Stück für einen Berserker von Schauspieler. Aus dem Gespinst aus Lügen des Dorfrichters Adam, der über sein eigenes Verbrechen richten muss, zogen und ziehen Zuschauer viel Vergnügen. Dass hinter dem Lustspiel aber ein böses Spiel mit der Lust steckt, das rückte meist an den Rand. Harald Weiler ist nicht der erste Regisseur, der den Fokus anders ausrichtet und das Licht auf Eve lenkt. Sie ist das Opfer, vom Dorfrichter sexuell hart bedrängt, vom Verlobten verflucht, von der Mutter nicht gehalten.

Das Ekelpaket setzt die Pointen

Weiler meidet alles Historisierende, Naturalistische. Schon im Bühnenbild von Barbara Bloch: ein hermetischer Raum aus Holz, edel, erdrückend, einschüchternd. Die Hierarchie, zeigen Bloch und Weiler, ist ein Witz und bleibt doch gewahrt. Der abgewetzte Richtersessel hängt weit oben in der Luft. Wer oben thronen will, braucht Menschen, die für sie den Buckel hinhalten und so die Treppe bilden. Ein Pfiff, schon buckelt der Schreiber Licht heran. Zunächst aber liegt der Dorfrichter besoffen und blutbekrustet am Boden, schläft seinen Rausch aus. Matthias Herrmann spielt den Mann, der seine Macht im Provinzkaff Huisum despotisch ausübt. Nun hat der Adam bekanntlich eins über den Schädel gezogen bekommen, als er sich spätabends ans Mädchen Eve ranmachte und mehr von ihr wollte. Wie sich der Richter aus der immer engeren Schlinge zu winden versucht, verschlagen und dröhnend, das behält in Weilers Inszenierung alle ursprüngliche Komik. Matthias Herrmann spielt das pointiert aus, man kann den Adam förmlich denken sehen. Die Crux beim Betrachter, dass dieses verachtenswerte Ekelpaket gleichzeitig als Pointensetzer gefällt, ist der tradierte Clou des Stückes. Aber nun kommt es anders.

Es ist nicht alles Tragik an diesem Abend

Fast das gesamte Stück über steht Eve verdruckst da. Sie mag aus Liebe und wohl auch aus Scham nicht sagen, was wirklich war. Stefanie Schwab rückt die lange unauffällige Eve so langsam wie sicher ins Zentrum, und sichtbar wird, wie perfide Männer mit Macht ihre Position ausnutzen. Schwabs berührend ausgeformter Eve-Monolog zum Ende hin wird der stille, ernste Kern des Abends; das, was bleibt.

Regisseur Harald Weiler hält sich an den originalen Kleist-Text, nutzt auch in Teilen die längere „Variant“-Fassung. Weiler hat eine Masse gestrichen, das Stück schlank und schnell gemacht. Die Striche sind zugleich so gesetzt, dass der Blick auf das Los von Eve frei wird. Es entsteht ein Beitrag zur MeToo-Debatte.

Es ist nicht alles Tragik an diesem Abend

Das Miese verkörpert nicht nur der Adam. Wie der Gerichtsrat Walter seines Amtes als übergeordneter Inspizient waltet, das macht die Sache nur noch ekliger. Philip Richert spielt mit großer Präzision einen Mann, der wie ein unnahbarer Stasi-Funktionär wirkt. Aber dieser Herr, traditionell als Walter des Guten positioniert, hat sich nicht im Griff. Gegen alle Wahrheit und Vernunft will er die Hierarchie bewahren, und schließlich drückt er Eve Geld auf und fordert einen Kuss. Mann oh Mann.

Es ist nicht alles Tragik an diesem Abend. Zwischendurch nimmt das Spiel gewaltig Fahrt auf und zeigt, dass die Menschen von Huisum Konflikte gern körperlich austragen. Der verlobte Ruprecht, dem Yves Dudziak viel Temperament mitgibt, muss jede Menge Ohrfeigen einstecken. Die teilt vor allem Ruprecht-Vater Veit aus, ein schlichter, wortkarger Mann, den Martin Skoda verkörpert. Manche Figuren bekommen auch einen Zug ins Karikierende, also Kennzeichnende. Paul Brusa spielt den Schreiber Licht als karrieregeilen Modegeck, Claudine Tadlock darf dagegen als Licht ins Dunkel bringende Frau Brigitte schön derb und ländlich auftreten.

Der Gerichtsrat macht sich aus dem Staub

Wie sich aber über das eine, nämlich den zerbrochnen Krug, sprechen lässt, damit aber viel mehr gemeint sein kann, das spielt Ulrike Knospe aus – als Eves Mutter. Das ist noch so eine genau ausgearbeitete Figur, hier die einer Frau, der die Situation über den Kopf wächst.

Ende offen, alle betroffen. Alle bedeppert. Oben im Stuhl hockt der alte Adam. Nicht er, sondern der Gerichtsrat ist getürmt. Und Eve krümmt es den Leib und die Seele.

Von Hans-Martin Koch