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Scheune, Kunst, Atomprotest: Bis Pfingsten lockt das Wendland mit einem Mix aus Kunsthandwerk, Konzert und Politik. Foto: oc

Das Ruhige ist das Schönere

Wendland. Irmhild Schwarz zählt zu den ersten. Sie ist Künstlerin, lebt in Kröte – so können nur Orte im Wendland heißen. Aus ihrem Haus streift der Blick weit über vor sich hin grünende Felder. Drinnen ist mehr los, denn angebrochen ist die Zeit der Kulturellen Landpartien, und „Kröte ist ja etwas Besonderes“, sagt die Künstlerin. „Denn wir bespielen ein ganzes Dorf.“ Das sind zwölf Häuser.

Für Wunder sorgen die Künstler

Irmhild Schwarz kam wie so viele in den 70ern aus Berlin ins Wendland, und wenn es so etwas wie einen besonderen Geist in der Region gibt, dann hat sie ihn mitgeprägt. „Ich fand die Vorstellung ja schrecklich, irgendwo auf Dauer zu bleiben. Das finde ich eigentlich heute noch“, sagt die 1951 geborene Künstlerin. „Jetzt bin ich 40 Jahre hier.“ Sie klingt dabei sehr zufrieden. Irmhild Schwarz mischte mit bei den zur Legende gewordenen Aktionen „Hart an der Grenze“ (1985) und „Da müssen wir durch“ (1987). Sie war von Beginn an in den Widerstand gegen die Atomanlagen in Gorleben eingebunden und gehört zu den Gründern der Kulturellen Landpartie (KLP). Das war 1990, das Stichwort lautete Wunde.r.punkte. Die Wunde im Idyll heißt Gorleben, für Wunder sorgen Künstler zwischen Himmelfahrt und Pfingsten.

Irmhild Schwarz zählt zu dem Künstlern, die mit Wunde.r.punkten die Kulturelle Landpartie ins Leben riefen. Foto: oc

Die KLP ist ständig gewachsen. Heute überwuchert Deutschlands größer Kunsthandwerkermarkt das Wendland. Der kleingedruckte „Reisebegleiter“ ist auf 384 Seiten angeschwollen, listet 925 Aktive an 123 Punkten in 88 Orten auf. Das Alphabet der Orte beginnt in Barnebeck mit Entspannungsmassage im Tipi, endet mit Schiebermützen in Zebelin. Den Titel des Heftes gestaltet wie schon immer Irmhild Schwarz – sie ist lieber vornedran als mittendrin.

Mittendrin: In Göttien im Rosenhof gibt es einen Salat aus Blüten. Er sieht aus wie ein Gemälde – und schmeckt. Hier sitzen Touristen, aber auch Einheimische, Zugezogene. Wie finden sie das Treiben in diesen Tagen? „Scheiße“, sagt der Jurist, der sich um gemeinschaftliche Wohnprojekte kümmert. „Laut“, sagt Peter Hund, „aber man kann da entspannt durchgehen.“ Das strahlt er aus. Hund ist Logopäde, lebt seit zwanzig Jahren im Wendland. Er kam aus Hamburg, da war es ihm zu verdreckt, zu laut. Heute lebt er in Karmitz, nicht weit von Göttien und wirkt rundum entspannt. Vermisst er etwas? Da muss er lange überlegen. Wirklich lange. „Öffentlicher Nahverkehr“, sagt er dann. Die Infrastruktur ist im Wendland eine Herausforderung, aber Mangel macht kreativ. Fahrgelegenheiten, einkaufen – das lässt sich gemeinsam organisieren. Hat er seinen Wechsel ins Wendland mal bereut? Nein. „Ich habe mich eigentlich nur gefragt, warum ich das nicht schon früher gemacht habe.“ Peter Hund war 31, als er Hamburg verließ.

Nie ist das Wendland so verfilzt wie in diesen Tagen

Es gibt in der Scheune in Göttien – wie an so vielen Orten – einen Mix: Geschmiedetes, Modedesign, Malerei, Schmuck, Holzknöpfe, Hatha-Yoga im Obstgarten und Gorleben-Widerstands-Symbolik auf Wärmflaschen, die mit Filz bespannt sind. Nie ist das Wendland so verfilzt wie in diesen Tagen. Es hängen sich zudem viele zum Geldverdienen an die basisdemokratisch organisierte KLP einfach an – überall ist Hofflohmarkt.

Arne Schrader ist seit zwei Jahren wieder da. Er stammt aus Prisser, studierte was mit Kunst und Medien, hatte aber „immer ein starkes Zuhausegefühl.“ Die Ruhe, die Entspanntheit, die Freiheit – es sind wiederkehrende Begriffe, die alte, neue und zurückkehrende Wendländer nennen. Schrader ist glücklich, einen Job im Wendland gefunden zu haben, und um Jobs kümmert er sich mit Sigrun Kreuser, seit zwölf Jahren Wendländerin. Sie stehen für die Agentur Wendlandleben, ein über zwei Jahre gefördertes EU-Projekt. Ziel ist es, Fachkräfte ins Wendland zu locken, vom Zerspaner bis zur Pflegekraft – mit Broschüren, Ausstellungen, Gesprächen.

Gespräche über das Wendlandleben

Auf dem Hof in Prießeck 7 steht ihr messetauglicher Info-Container. Sie bieten regelmäßig Gespräche zum Thema Wendlandleben – morgen, Sonntag, um 16 Uhr mit Rebecca Harms aus Waddeweitz, die alltags im Europarlament sitzt. Über die Hofgemeinschaft prießeck7einviertel haben sie eine kleine Zeitung herausgegeben. Die Hofbewohner sind so zwischen 40 und 45 Jahre alt, Ingenieur, Lehrerin, Eventveranstalter und wollen „zusammen leben und alt werden.“ Zwei wohnen fest in Prießeck, zwei leben zeitweise – noch – in Gifhorn. Zwei weitere arbeiten auf dem Hof, verwandeln Container in kleine Wohnungen.

Filz, Protest und Wärmflasche, das geht zusammen. Foto: oc

Arne Schrader zählt zu den Pendlern. Zur halben Agenturstelle im Wendland kommt ein halbe beim Pop-Label Tapete in Hamburg. „Es ist schön, in Hamburg unterwegs zu sein. Am Ende aber ist das Ruhige das Schönere.“

In Kröte neigt sich der Tag. Irmhild Schwarz, die einzige Künstlerin im Dorf, hat noch Besucher. Sie erläutert ihre aktuellen Arbeiten, die sie aus gesammeltem Schokoladenpapier collagiert hat – zu abstrakten, glänzenden Material-Farbspielen. Es gibt in Kröte KVAK, einen Kunstverein, über den Irmhild Schwarz mal im „Wir“ und mal im „Ich“ spricht. Der Kunstverein gibt für jedes Jahr ein Motto aus: „Die wollen nur spielen“ heißt es in Kröte noch bis Pfingstmontag. In der Bushaltestelle sind Anstecknadeln aufgehängt, mit denen die Besucher durchs Dorf gehen können und die zum Reden reizen. „Ich habe keine Ahnung“ steht auf einigen.

Nach Kröte zogen vor kurzem die Landtagsabgeordnete Miriam Staudte von den Grünen und Boris Campanale. Er hat noch ein Büro in Lüneburg. Es sei gar nicht so leicht gewesen, eine passende Immobilie im Wendland zu finden, sagen sie. Es hat dann doch geklappt, und er hat auf dem großen Boden eine Art Fußballplatz für die Kinder gebaut. Fanden sie toll, sagt er, aber gesagt haben sie auch, dass er das Geld in einen vernünftigen Router hätte anlegen können. Internet und Infrastruktur bleiben ein ewiges Thema im Wendand. Aber wo kein Netz, da viel Ruhe. Und deren Qualität zu schätzen, dass kann man im Wendland lernen, besonders ab Dienstag nach Pfingsten.

von Hans-Martin Koch

7 Kommentare

  1. Robert Gernhardt

    Dich will ich loben, Häßliches,
    Du hast so was verläßliches.

    Das Schöne schwindet, scheidet, flieht,
    fast tut es weh, wenn man es sieht.

    Wer Schönes anschaut spürt die Zeit,
    und Zeit sagt stets: Gleich ist’s so weit.

    Die Schönheit gibt uns Grund zur Trauer,
    die Häßlichkeit erfreut durch Dauer.

  2. Powersätze für den Galeriebesuch

    – „Anselm Kiefer? Kenn ich! Der war doch Stürmer bei Schalke.“

    – „Ach, das ist ein Luftfeuchtigkeitsmesser? Ich finde es trotzdem das beste Stück der Ausstellung!“

    – „Schonmal was von Fluchtpunktkonstruktion gehört?!“

    – „Ich geb dir gleich ‚Neue Sachlichkeit‘!“

    – „Das wär doch auch was für Lars‘ Junggesellenabschied nächsten Samstag!“

    – „Das Bild könnte ich mir gut im Wartezimmer von Professor Brinkmann vorstellen.“

    – „A propos: es näßt schon wieder ganz arg.“

    – „Wenn keine rote Samtschnur drum ist, kann ich mich auch draufsetzen.“

  3. Ole von der Ohe

    »Das Ruhige ist das Schönere«?

    Das Beunruhigende ist das noch Schönere!

    So sehen das jedenfalls (1.) der Leuphanatiker Pierangelo Maset: https://www.landeszeitung.de/blog/kultur-lokales/888142-leistung-kann-nicht-alles-sein

    (2.) Susanne, die im Februar dieses Jahres aus Melbeck abgehauen ist: https://www.landeszeitung.de/blog/lokales/1459992-susanne-ist-abgehauen

    und (3.) Jonathan Meese, der kein Mensch ist, sondern ein Zustand, und der einzig und allein der Gerichtsbarkeit der Diktatur der Kunst untersteht: http://jonathanmeese.com/

  4. Karlheinz Fahrenwaldt

    Während es für eine Frau gar nicht leicht ist, so schön zu sein, wie sie aussieht, ist es für einen Mann beunruhigend, wenn er anfängt, auf Frauen beruhigend zu wirken.

    Meine Meinung zum Thema.

    • Haben Sie sich das ganz alleine ausgedacht, Karlheinz? Klingt für mich eher ’n büschen wie einer dieser Kalendersprüche auf den Zierspiegeln aus dem Hause Eckhard Pols. Was sagt eigentlich Andrea Henkel zu den impliziten Botschaften Ihrer kunsttheoretischen Reflexion im Anschluss an die Artikelüberschrift von Hans-Martin Koch?

      #MeToo?

  5. Agil Hibbelig

    Das Unruhige ist das Schönere

  6. Das Schöne ist ein Störenfried, der unterhält und belehrt:

    https://www.zeit.de/freitext/2018/05/17/political-correctness-kunst-leupold/

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