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Dirk Zuther in seinem Studio, das er heute vor allem für eigene Musikprojekte nutzt. Jetzt wird er zum Rock-Historiker. (Foto: t&w)
Dirk Zuther in seinem Studio, das er heute vor allem für eigene Musikprojekte nutzt. Jetzt wird er zum Rock-Historiker. (Foto: t&w)

Die Szene bekommt ein Gedächtnis

Lüneburg. Das Café Klatsch, der Salon Hansen, ab und an der Nolte-Saal, dann wird es schon knapper. Auftrittsmöglichkeiten für Lüneburger Bands sind so reichlich nicht vorhanden. An Bands wiederum war nie Mangel. Von Those Hooks über Opa Hoppenstedt bis Kota Connection, von Subway über Steamroller bis Brass Riot zieht sich eine lange Reihe durch mehr als 50 Jahre regionaler Rock- und Popgeschichte. Dirk Zuther mischte seit 1970 bei mehreren Bands mit. Heute ist er 62 Jahre, Dozent an der Leuphana und hat sich ein Großprojekt vorgenommen. Zuther will die Rock/Pop-Geschichte der Region aufarbeiten. Münden soll die Forschung in ein Buch und in ein Archiv.

Auch in einer kleinen Region ist das eine Mammutaufgabe. Anknüpfen kann Dirk Zuther an das Buch „Der Lüneburg-Sound“, das LZ-Redakteur Rainer Schubert schrieb. Das Buch listet Bands von A bis Z auf, von Abseits bis – das passt! – Dirk Zuther. Da findet sich dann die Zuther-Vita, der Lehramt studierte, unter anderem als Keyboarder bei Bands wie Talk Of The Town, Die Piraten und Stiller spielte. Im eigenen Studio TomTomRecords tummelten sich Bands der Region. Herausheben ließe sich der Stiller-Song „Weinst du“, der in der Fassung der Band Echt zum Nummer-eins-Hit wurde.

Zugang zu alten Demo-Aufnahmen

Dirk Zuther arbeitete lange beim Lugert-Verlag, der auf musikdidaktische Publikationen spezialisiert ist. 1981 hatten Wolf Dieter Lugert und Volker Schütz den Verlag im Viskulenhof gegründet. Beide Verleger lehrten an der damaligen Pädagogischen Hochschule im Roten Feld und öffneten der Popularmusik den Weg in den Unterricht. Dirk Zuther betreut heute noch die Zeitschrift „Praxis des Musikunterrichts“ beim Lugert-Verlag, ist aber vor allem in der Lehre tätig, im Leuphana-Institut für Kunst, Musik und ihre Vermittlung. Ein Bandprojekt betreibt Dirk Zuther zurzeit nicht, aber er frickelt an eigenen Elektro-Sounds, die er dann ins Netz stellt.

„Die Idee, die Lüneburger Rockgeschichte aufzuarbeiten, ist relativ alt. Es waren so viele Bands in meinem Studio. Darüber wurde mir schon früh klar, dass ich etwas über die Szene machen will.“ Der Ansatz für das Buch ist nicht alphabetisch wie bei Rainer Schubert, Zuther will das Thema voraussichtlich chronologisch angehen, als repräsentativen Querschnitt. „Ich möchte zugleich den Zugang zu Aufnahmen der Bands öffnen, zum Beispiel zu alten Demo-Aufnahmen.“

Das ist dann vielleicht schon Sache für Projekt zwei: ein möglichst umfangreiches Archiv für die Szene anzulegen. Auch da ist die Form nicht abschließend geklärt. Erst einmal hat Dirk Zuther die Sammelphase gestartet. Interessiert ist er an allem, an Fotos, Zeitungsausschnitten, Flyern, Plakaten, Aufnahmen bis hin zu Eintrittskarten. Angefangen hat er auch, mit Protagonisten Interviews zu führen, zum Beispiel mit Django Seelemeyer, der als Musiker mit Leinemann große Erfolge feierte.

Stiftung unterstützt das Projekt

Unterstützung bekommt die Szene-Aufarbeitung von der Sparkassenstiftung. Sie finanziert den Einstieg in das Vorhaben. Die Stiftung hat selbst schon etliche Aufnahmen von Bands der Region gesammelt. Dort finden sich Platten, die Geschichten erzählen, etwa aus dem Jahr 1968, als beim LZ-Beatfestival im Schützenhaus die Band Chicago Sect gewann und eine Platte aufnahm, was damals etwas Besonderes war. Es entstand eine Single mit den Titeln „Chain Reaction“ und „She‘s Not There“, ein Cover der Zombies. Zur Band gehörten die späteren Leinemänner Uli Salm und Ulf Krüger, die verstorbenen William Thornton (Gesang) und Michael Solisch (Gitarre) sowie Norbert „Teddy“ Licht, der später ein eigenes Studio betrieb.

Da geht es schnell hinein in die Bandgeschichten – und die haben kein Ende. „So ein Archiv ist sicher ein nach hinten offenes Projekt“, sagt Dirk Zuther. Denn auch neue Bands landen vielleicht schneller, als ihnen lieb ist, im Archiv. – Kontakt: zuther@leuphana.de.

Von Hans-Martin Koch

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