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Matthew Sly ist die mittlere Elfe, vor ihm schwebt Rhea Gubler, hinten Gabriela Luque. (Foto: Theater/Tamme)
Matthew Sly ist die mittlere Elfe, vor ihm schwebt Rhea Gubler, hinten Gabriela Luque. (Foto: Theater/Tamme)

Träume, die hellwach halten

Lüneburg. Matthew Sly kommt gerade aus der Dusche. Tanztraining ist schweißtreibend. Aber hat Matthew Sly nicht vor zwei Jahren mit dem Tanzen aufgehört? Er ist doch Inspizient für das Schauspiel, leitet den TanzJugendClub? Aber nun steht heute, Freitag, Olaf Schmidts „Sommernachtstraum“-Ballett vor der Premiere, und Matthew Sly feiert ein Comeback – als Handwerker und als Elfe, Handwerker sei leicht, sagt er, aber Elfe. . . Er weiß, er wird es packen. Er ist wieder im Training, er ist fit, er ist ehrgeizig, und bei der Premierenfeier wird er der aus dem Team sein, der sich eine Krawatte umbindet.

Im Traum-Stress steckt Matthew Sly zurzeit doppelt: zwei Premieren in einer Woche! Denn Matthew Sly hat nicht nur den ausverkauften „Sommernachtstraum“ vor sich. Er steckt auch in den Endproben für ein neues Stück mit dem TanzJugendClub. Das folgt einem Motto, das Sly einem 50 Jahre alten Hit entlieh: „Dream a Little Dream“ von den Mamas and Papas. Es geht also auch um Träume, aber ganz anders als bei Shakespeare.

Traumszenen für das T.3

Seit zwei Jahren betreut der gebürtige Kanadier, den es über Estland nach Deutschland verschlug, die Gruppe der im Kern 14- bis 18-Jährigen. „Wir haben ein Brainstorming gemacht: Was für eine Art Träume haben wir? Welche können wir in Tanz übertragen?“ Die Antwort: „Wir sind doch stark bei Albträumen gelandet.“ Nächstes Problem: „Träume sind etwas sehr Persönliches.“ Es soll aber kein Abend der Soli werden, also hat Sly Gruppenszenen für die 15 jungen Tänzer entwickelt. 14 Mädchen sind es und ein Junge.

Traum und Tanz passen gut zusammen. Beide haben ihre eigene Sprache, beide sind flüchtig, überraschend, offen und kaum in Worte zu kleiden. Entstehen wird im T.3 kein Abend der Traumdeutung, sondern einer voll traumtänzerischer Episoden. Unterlegt werden die Szenen mit Musik von Smetana bis zum Schockrocker Marilyn Manson, letzterer dürfte die Abteilung Albtraum beschallen. Noch ist Matthew Sly dabei, dem Abend endgültige Kontur zu geben. Er hat viel zu tun. Er choreographiert Träume, aber nun tanzt er erst einmal heute im „Sommernachtstraum“.

Bei Shakespeare geht es im Athener Wald bekanntlich um das Verwirren der Sinne, um Liebe und Begehren, um Verwandlung, Romantik und Zauber, also um all das, was Ratio und Emotion in schönste Konfusion stürzt. Olaf Schmidts Ballett wird in dieser Spielzeit nur dreimal gezeigt, für den 26. Mai gibt es noch Restkarten, und für den 21. Juni sind auch schon um die 450 Karten verkauft. Das Ballett kommt aber ab 11. Oktober wieder auf den Spielplan. Musik von Henry Purcell, Felix Mendelssohn Bartholdy und Arvo Pärt begleitet den vom Theater angekündigten „Rausch der Sinne“, in dem sich verschiedene Stilistiken von Tanz finden werden.

Zwei Tänzer verlassen die Compagnie

Matthew Sly ergänzt also das Team, aus dem zwei ihre letzte Lüneburg-Premiere tanzen. Wie berichtet, verlassen Giselle Poncet und Anibal dos Santos die Truppe. Letzter aber wird als Gast weiter im „Sommernachtstraum“ tanzen.

Bleibt die Sache mit der Krawatte zur Premierenfeier, das hat sich Matthew Sly irgendwann angewöhnt. „Ich habe sogar eine Lieblingspremierenkrawatte“, sagt er. Die hat Motive mit kanadischem Bezug. Soviel Heimatgefühl muss sein, obwohl der Tänzer sich mit Familie längst auch in Lüneburg heimisch fühlt.

Von Hans-Martin Koch